OverDrive kauft Onleihe-Betreiber divibib: Die Onleihe zieht zu Libby um

Bereits am 11. August hat OverDrive, die Firma hinter der Bibliotheks-App Libby, die divibib GmbH aus Reutlingen übernommen. Die divibib betreibt seit 2007 die Onleihe, über die öffentliche Bibliotheken in Deutschland, Österreich und der Schweiz E-Books, Hörbücher, Zeitungen und Zeitschriften verleihen. Verkäuferin ist die bisherige Muttergesellschaft ekz.bibliotheksservice GmbH. Laut der Pressemitteilung von OverDrive zieht die Onleihe schrittweise auf die Libby-Plattform um. Die Firmen nennen keinen Kaufpreis.
Für viele eReader-Nutzer ist das eine große Nachricht. Gerade auf tolino- und PocketBook-Geräten ist die Onleihe der einfachste Weg zu Bibliotheks-E-Books, weil sie direkt auf dem Gerät funktioniert. Libby nutzen nach Angaben von OverDrive bereits mehr als 600 Bibliotheken und Bibliotheksverbünde im deutschsprachigen Raum, die 2025 zusammen auf fast zehn Millionen Ausleihen kamen.
Für Leser ändert sich vorerst nichts
Wer die Onleihe nutzt, muss derzeit nichts tun. Laut divibib läuft die Ausleihe ohne Unterbrechung weiter, App und Zugänge funktionieren wie gewohnt, und auch die laufenden Umstellungen auf die neue Onleihe 3 gehen planmäßig weiter.
Den groben Fahrplan hat die divibib Ende August in einer FAQ für Bibliotheken nachgereicht: Die ersten Onleihen sollen Ende 2026 zu Libby wechseln, bis Ende 2027 sollen nach heutiger Planung alle umgezogen sein. Der gesamte Medien- und Lizenzbestand soll mit umziehen, auch die Abos für ePaper und eMagazines. Wann die eigene Bibliothek an der Reihe ist, steht noch nicht fest, die divibib will die einzelnen Onleihen direkt informieren.
Libby bringt einige Funktionen mit, die der Onleihe fehlen, etwa Hörbücher über Apple CarPlay und Android Auto, eine eigene Artikelansicht für Zeitschriften und mehr Sprachen in der App. Langfristig braucht man auf dem Smartphone nur noch eine App. Ob die Nutzerdaten künftig auf Servern in der EU liegen, ist laut divibib allerdings noch nicht geklärt.
Was das für tolino, PocketBook, Kobo und Kindle bedeutet
Spannend wird der Umzug vor allem auf dem eReader. Die Onleihe setzt dort derzeit überwiegend auf den LCP-Kopierschutz, der ohne Adobe-Konto auskommt. Auf tolino- und PocketBook-Geräten braucht man eine Adobe ID deshalb meist nur noch für PDF-Titel. OverDrive arbeitet dagegen mit dem Kopierschutz von Adobe, für den man inzwischen eine ByteBooks ID statt der Adobe ID braucht.
Nach Angaben der divibib funktioniert Libby mit der neuesten tolino-Software bereits auf den tolino-Modellen ab 2024. Ältere tolinos werden nach dem Wechsel zu Libby dagegen vorerst wieder eine Adobe- bzw. ByteBooks-ID brauchen. Langfristig will die divibib einen eigenen Kopierschutz als Ersatz für Adobe entwickeln. OverDrives Hilfeseiten beschreiben für den tolino shine 5, den shine color und den vision color bislang allerdings nur den Umweg über Adobe Digital Editions am Computer. Ob die Ausleihe am Ende so bequem bleibt wie bisher, muss sich erst zeigen.
Pikant ist der Zeitpunkt: Erst im April hatte tolino gemeinsam mit der divibib die Onleihe auf seinen eReadern aufgewertet. Seit einem Update vom 7. April (ab Version 5.15.253009) gibt es auf dem tolino vision color, shine (5. Generation) und shine color unter „Mehr“ einen eigenen Onleihe-Eintrag. Er führt zu einer neuen Startseite ohne Browserleiste, auf der man die Bibliothek nach Ort oder Name sucht. Ältere tolinos öffnen die Seite über mytolino.de/onleihe im Browser. Was nach dem Wechsel zu Libby aus dem Menüpunkt wird, haben tolino und divibib noch nicht verraten.
Wie umständlich die Onleihe auf dem tolino früher sein konnte, habe ich in meinen Tests des tolino shine 4 und des epos 3 erlebt. Für die LCP-geschützten Onleihe-Titel gab es damals nur eine zweite Lese-App, die noch als Beta lief und der Notizen und Wörterbuch komplett fehlten. Mir war die normale Lese-App lieber, sie wirkte ausgereifter und öffnete Bücher schneller. Ausgerechnet für diese Bibliotheksbücher blieb also nur die schwächere App.
Bei PocketBook ist die Libby-Anbindung schon weiter. Seit der Firmware 6.10 gibt es auf den Linux-eReadern die App „PocketBook x Libby“, mit der man die Kataloge von OverDrive-Bibliotheken direkt auf dem Gerät durchsucht, E-Books ausleiht und liest. Unter Umständen braucht man dafür zusätzlich ein Adobe- bzw. ByteBooks-Konto. Libby soll laut divibib sowohl mit tolino als auch mit PocketBook funktionieren, man sei dazu in engem Austausch mit beiden Herstellern.
In meinem Vergleich der Farb-eReader lief die Ausleihe über Libby auf dem PocketBook Era Color rund: Bibliotheken aufrufen, Bücher herunterladen und direkt auf dem Gerät lesen, ohne zusätzliche Apps oder Umwege. Das lag vor allem daran, dass PocketBook beide Kopierschutzverfahren beherrscht, LCP wie Adobe. Für den Umzug der Onleihe zu Libby dürfte das ein Vorteil sein. Im Test des Verse Pro zögerte die Libby-App allerdings gerade beim ersten Öffnen nach dem Aufwachen etwas. Für ein Gerät, das vor allem zum Lesen da ist, fand ich das noch in Ordnung.
Für Kobo- und Kindle-Besitzer ändert sich dagegen wenig. Die Onleihe unterstützt Kobo-eReader nicht aktiv, Bücher kommen dort nur über Adobe Digital Editions vom Computer aufs Gerät. Die in neuere Kobos eingebaute OverDrive-Ausleihe schaltet Kobo laut seinen Hilfeseiten nur in einigen Märkten frei, etwa in den USA, Kanada, Großbritannien und den nordischen Ländern. Deutschland, Österreich und die Schweiz gehören nicht dazu. Kindle-eReader können mit den kopiergeschützten Onleihe-Titeln ohnehin nichts anfangen, und die Kindle-Ausleihe über Libby bietet OverDrive nur Bibliotheken in den USA an.
Einschätzung
Für Onleihe-Nutzer ist die Übernahme erst einmal kein Grund zur Sorge. Bis die ersten Bibliotheken Ende 2026 wechseln, bleibt alles beim Alten, der Bestand soll mitziehen, und OverDrive verspricht ein deutlich größeres Angebot an deutschsprachigen und internationalen Titeln.
Der Knackpunkt sind die eReader, denn für viele ist die Bibliothek die praktischste und auf Dauer günstigste Quelle für E-Books. Wenn ältere tolinos für Libby wieder eine ByteBooks ID brauchen, ist das ein Rückschritt: LCP hatte das zusätzliche Konto gerade erst überflüssig gemacht, und tolino hat die Onleihe erst im April noch einmal aufgewertet. Für mich hängt der Erfolg des Umzugs deshalb weniger an der App als daran, ob die Ausleihe auf dem eReader nach dem Wechsel so einfach bleibt wie bisher.
Wenn du dir in nächster Zeit einen eReader vor allem für die Onleihe kaufen willst, bleibt ein aktueller tolino oder PocketBook die naheliegende Wahl: Beide Hersteller sind laut divibib in die Umstellung eingebunden, PocketBook bietet bereits eine eigene Libby-App an, und tolino-Modelle ab 2024 kommen laut divibib schon jetzt mit Libby zurecht.




