Sony

Einer der Wegbereiter des digitalen Lesemarktes verabschiedet sich nach über 10 Jahren. Ein Rückblick.

Gestern wurde bekannt, dass Sony sich nach über 10 Jahren vom eBook Reader Markt verabschieden wird. Der Sony PRS-T3 wird das letzte dedizierte Lesegerät für den Endkundenmarkt sein. Dies wurde bereits im Vorfeld von vielen Marktbeobachtern vermutet, denn in den vergangenen Jahren kam die zuvor rasante Weiterentwicklung der Sony Reader langsam zum Erliegen.

In jedem Fall gilt der japanische Elektronikriese aber als Wegbereiter für dedizierte Lesegeräte und hat die Entwicklung in der Anfangsphase maßgeblich und fast alleine vorangetrieben. Lange vor Amazon brachte Sony in Zusammenarbeit mit E Ink und Philips im Jahr 2004 einen eReader mit der damals neuen E-Ink Technik auf den Markt. Nach heutigen Maßstäben handelt es sich beim 6 Zoll Sony Librie genannten Gerät um ein relativ globiges Exemplar eines eBook Readers, das noch dazu nicht besonders intuitiv zu bedienen gewesen sein dürfte. Das Gerät gab’s aber ohnehin nur in Japan.

Die frühen Jahre

Der Sony PRS-500 oder „Portable Reader“ wie er im eigentlichen Namen hieß, wurde im Jahr 2006 vorgestellt und trat die Nachfolge des ersten eReaders an. Dabei wagte sich Sony dann auch auf den internationalen Markt in den USA. Im Vergleich zum Librie wurde die Bedienung vereinfacht, die QWERTY-Tastatur entfernt und das gesamte Gehäusedesign auf das damals Wesentliche beschränkt. Seinen Wurzeln blieb der PRS-500 aber weiterhin treu, was sich besonders an den durchnummierten Bedienknöpfen unter dem Display zeigt.

Sony Librie, PRS-500 und PRS-505 – eBook Reader von einem Schlag

Im Jahr 2007 wurde der Sony PRS-505 vorgestellt, der wiederum weiter vereinfacht wurde. Auch hier gab es aber keinen völligen Neustart des Bedienkonzeptes. Der E-Ink Vizplex Bildschirm wurde jedoch verbessert, sodass nicht nur der Hintergrund heller, sondern auch der Kontrast besser war. Außerdem konnte der PRS-505 nun 8 Graustufen darstellen, anstatt der 4 Graustufen des Vorgängers. Außerdem wurde der interne Speicher auf 256 MB vergrößert und die ePub- und PDF-Unterstützung verbessert. Der PRS-505 kam im Jahr 2008 erstmals nach Deutschland und wurde hierzulande hauptsächlich von Thalia vertrieben.

Revolution mit Vor- und Rückschritten

Auch bei Sony gab’s einen beleuchteten eBook Reader. Bereits im JAhr 2008 kam der Sony PRS-700 auf den Markt. Die Umsetzung war durch die damals technischen Möglichkeiten allerdings stark beschränkt.

Die bis dahin größter Neuerung kam im Jahr 2008 und hörte auf den Namen Sony PRS-700. Der neue eBook Reader wurde als zusätzliche Option zum PRS-505 angeboten und bot zwei wesentliche Neuerungen: Erstmals in einem Sony eBook Reader kam ein kapazitiver Touchscreen zum Einsatz, ebenso wie eine eingebaute Beleuchtung. Sony hat somit schon vor 6 Jahren mit der entsprechenden Frontbeleuchtungstechnik experimentiert. Das Ergebnis war allerdings alles andere als zufriedenstellend, denn einerseits war der Kontrast durch den damals verwendeten kapazitiven Touchscreen generell merklich schlechter als beim PRS-505 und auch wenn die Beleuchtung die Ablesbarkeit des Bildschirms bei Dunkelheit ermöglichte, die Ausleuchtung war alle andere als optimal.

Das Licht war besonders an den Bildschirmrändern sehr stark sichtbar, das übrige Display war aber deutlich schwächer beleuchtet. Außerdem war die Farbtemperatur der Beleuchtung schon beinahe unangenehm blau. Entsprechend schleppend lief dann offenbar auch der Absatz des durchaus revolutionären, aber eben durch die damalige Technik begrenzten eBook Readers. Das Misserfolg des PRS-700 dürfte auch einer der Gründe gewesen sein, weshalb Sony sich danach nicht mehr auf Experimente mit einer integrierten Beleuchtung eingelassen hat.

Erweiterung der Produktpalette

Im Jahr 2009 folgte der Sony PRS-600 „Touch Edition“ der den PRS-505 abgelöst hat. Wie schon der PRS-700 verfügte der neue eReader über einen kapazitiven Touchscreen. Auf die Beleuchtung hat Sony diesmal allerdings aus gutem Grund verzichtet. Vom Funktionsumfang hat sich gegenüber dem PRS-700 ansonsten allerdings nicht viel geändert. Neu war damals schon die Möglichkeit mit dem Touchscreen handschriftliche Notizen zu erstellen. Auch der PRS-600 musste sich allerdings die Kritik des im Vergleich zum PRS-505 verschlechterten Kontrasts gefallen lassen.

Außerdem waren Fans des PRS-505 über das nun nicht mehr vollständig aus Aluminium bestehende Gehäuse wenig erfreut, auch wenn man klar sagen muss, dass es zur Gewichtsersparnis wohl dringend notwendig war, denn der PRS-600 brachte mit 286 Gramm mehr auf die Waage als sein Vorgänger (PRS-505: 250 Gramm).

Sony PRS-900, PRS-600 und PRS-300: Die goldene Zeit der Sony eBook Reader. Gleich drei verschiedene Modelle waren am Markt.

Zusammen mit dem PRS-600 kamen auch erstmals zwei andere eBook Reader mit unterschiedlichen Bildschirmdiagonalen (abseits des bisher typischen 6 Zoll Formates) auf den Markt. Der Sony PRS-900 verfügte über ein 7 Zoll Display und sollte vor allem im Zeitungs- und Zeitschriftenbereich sein Zuhause finden. Zu dem Zweck war auch eine Mobilfunkverbindung integriert, was man als direkte Reaktion auf den damals schon sehr erfolgreichen Kindle verstehen durfte. Dementsprechend war der PRS-900 aber nur in den USA und Japan erhältlich.

Auch in die andere Richtung weitete Sony die Produktpalette aus: Der PRS-300 verfügte lediglich über ein 5 Zoll Display und stellte in erster Linie eine verkleinerte Version des PRS-505 dar. Die Bedienung erfolgte somit ausschließlich über die Hardwaretasten, da kein Touchscreen integriert war. Auf eine Speicherkartenerweiterung und Audiofunktion musste man ebenfalls verzichten.

E-Ink Pearl und IR-Touchscreen: Technik ohne Kompromisse

Die nächste große Änderung folgte mit dem Modellwechsel im Jahr 2011. Der Sony PRS-650 kam erstmals mit E-Ink Pearl Technik auf den Markt, was auch eine deutliche Verbesserung der Ablesbarkeit mit sich brachte. Außerdem sorgte Sony mit dem ebenfalls erstmaligen Einsatz eines Infrarot-Touchscreens für eine absolut störfreie Darstellung des Bildschirminhalts. Im Gegensatz zu den kapazitiven Touchscreens der Vorgänger gibt’s bei der Infrarot-Technik keine zusätzliche Plastikoberfläche auf dem Bildschirm, die den Kontrast verschlechtern könnte. Besonders die damalige Kapazitiv-Technik sorgte dahingehend für Probleme, die es heutzutage nicht mehr gibt.

Im Vergleich zum Vorgänger wurde der interne Speicher von 512 MB auf 2 GB vergrößert und die Akkulaufzeit verbessert. Mit der Technik galt der Sony PRS-650 als bester eBook Reader am Markt, musste allerdings wegen der fehlenden WLan-Verbindung die damals langsam aber sicher in viele Konkurrenzprodukte Einzug hielt, wiederum Kritik einstecken.

Auch 2011 gab es drei eBook Reader Modelle: Sony PRS-950, PRS-650 und PRS-350. Technisch waren sich die Geräte allesamt sehr ähnlich und gehörten zweifellos zu den Besten am Markt.

Zusammen mit dem 6 Zoll Modell gab es auch dieses Mal wieder einen 7 Zöller (PRS-950) und einen 5 Zöller (PRS-350). Das ungewöhnlich wirkende Format des PRS-950 blieb dem Vorgänger treu und war wieder in erster Linie auf den Querformat-Konsum von Zeitungen und Zeitschriften ausgelegt. Auch hier war eine 3G-Funktion mit dabei. Der Sony PRS-350 brachte im Vergleich zum Vorgänger die größten Neuerungen. Der 5 Zoll eBook Reader bekam ebenfalls einen IR-Touchscreen und das neue E-Ink Pearl Display spendiert. Verzichten musste man hingegen wieder auf die Speichererweiterung und die Audiofunktion.

Android OS als Komfortverbesserung

Im Jahr 2011 wurde schließlich die neue Gerätegeneration mit WLan-Funktionalität vorgestellt. Zusammen mit der Drahtlosverbindung und dem neuen Fokus Sonys am Smartphone- und Tablet-Sektor wurde auch die Nomenklatur geändert. Der eBook Reader hörte auf den Namen Sony PRS-T1 „Reader WiFi“

Im Vergleich zum ohnehin sehr guten Vorgänger gab es nicht allzu viel Verbesserungspotential, womit der PRS-T1 wieder mit einem 6 Zoll 800×600 Pixel auflösenden E-Ink Pearl Display ausgestattet war und einen IR-Touchscreen nutze. Die Touchscreentechnik wurde zu dem Zeitpunkt auch bereits von anderen Herstellern übernommen.

Zusammen mit dem Namen hat sich auch das Design des Geräts deutlich verändert und wurde näher an die Tablet- und Smartphone-Serien des japanischen Elektronikkonzerns angelehnt – zum Leidwesen vieler Fans. Außerdem war die glänzende und stark spiegelnde Gehäuseoberfläche des schwarzen Modells ein häufiger Kritikpunkt. Immerhin brachte das neue Plastikgehäuse aber eine sehr deutliche Gewichtsersparnis, sodass der eBook Reader mit 168 Gramm einen neuen Bestwert erreicht hat und besonders beim langem Lesen nicht mehr so schwer in der Hand lag.

Das nun erstmals in einem Sony Reader verwendete Android Betriebssystem brachte darüber hinaus einige Komfortverbesserungen bei der Bedienung, wobei aber auch das alte System grundsätzlich gut funktioniert hat. Besonders beliebt war dann aber die Möglichkeit das Betriebssystem zu „rooten“ und so vollen Zugriff zu erlangen um weitere Apps zu installieren.

Ein erstes Anzeichen für eine Krise bei den Sony eBook Readern brachte aber der Modellwechsel zum PRS-T1 bereits: Die 7 Zoll und 5 Zoll Modelle wurden eingestampft.

Stillstand bei Sony Reader …

Im Jahr 2012 folgte die wohl erste größere Enttäuschung unter Sony Fans. Während jeder bisherige Modellwechsel irgendeine wichtige technische Verbesserung brachte, wurde beim PRS-T2 sogar eingespart: Die Audiofunktion fiel weg. Ansonsten gab es keine nennenswerten Veränderungen im Vergleich zum Vorgänger, außer eine Neugestaltung der Knöpfe und einer nun matt-schwarzen Gehäuseoberfläche ohne Spiegelungseffekt.

Bei vielen Fans der Reihe war die Enttäuschung insbesondere deshalb groß, weil Sony auf einen höher auflösenden Bildschirm und auf eine Beleuchtung verzichtet hat – zwei Dinge die andere Neuerscheinungen der Konkurrenz ausnahmslos mitgebracht haben.

Mit der T-Serie folgte der Stillstand bei den Sony Lesegeräten und schließlich das Ende. Ein Sony PRS-T4 wird nicht mehr erscheinen.

Wenngleich weiterhin E-Ink Pearl Technik zum Einsatz kam, war immerhin der Kontrast dank der hervorragenden Panels trotzdem noch besser als beim PRS-T1. Der niedrigere Preis des PRS-T2 und besonders damit einhergehende Preisaktionen haben dafür gesorgt, dass sich das Gerät dennoch sehr gut verkauft hat.

Mit dem Sony PRS-T3 zeichnete sich dann das endgültige Aus der eBook Reader Sparte der Japaner ab, denn das im Jahr 2013 vorgestellte Lesegerät lief der Konkurrenz nun sowohl bei der Hardware als auch bei der Software hinterher. Den Vorsprung den Sony über 9 Jahre innehatte war schließlich dahin und von der Konkurrenz ins Gegenteil verkehrt. Der PRS-T3 verzichtete auf eine eingebaute Beleuchtung die mittlerweile zum guten Standard eines jeden wichtigen eBook Readers gehörte. Immerhin wurde aber endlich die Bildschirmauflösung verbessert, was jedoch auch auf Kosten des Kontrasts ging (im Vergleich zum PRS-T2).

Die größte Neuerung des PRS-T3 war die eingebaute Frontklappe mit der sich der Bildschirm schützen ließ. Mir persönlich war die Konstruktion im geöffneten Zustand zwar ein wenig zu wackelig, aber immerhin gab’s damit noch ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz. Außerdem setzte Sony weiterhin auf einen Infrarot-Touchscreen, den beinahe alle anderen Hersteller gegen die immer besser gewordene(und billigere) kapazitive Technik eingetauscht haben.

… und das Ende des Wegbereiters

Die sehr geringen Neuerungen zogen bereits Spekulationen nach sich, wonach es sich beim PRS-T3 um das letzte Sony Reader Modell handeln könnte. Der Konzern wollte (bzwe. konnte) offenbar kein weiteres Geld in die Entwicklung der Sparte investieren. Als dann bekannt wurde, dass der eBook Reader nicht in Nordamerika erscheinen würde und dann auch noch der eBook Store geschlossen wurde, schien die Sache klar zu sein. Kurz darauf folgten die Schließungen der übrigen eBook Shops außerhalb Japans, wobei die Kunden an Kobo übergeben wurden. Der kürzliche Verkaufsstopp des Sony PRS-T3 markiert nun das tatsächliche Ende der 10 Jahre alten eBook Reader Sparte des japanischen Elektronikkonzerns.

Nun mag man einwenden, dass Sony mit dem DPT-S1 weiterhin aktiv bleibt, allerdings handelt es sich dabei nicht um ein klassisches Lesegerät, sondern eher um einen digitalen Notizblock mit Netzwerkanbindung zur Dokumentverwaltung. Abgesehen davon liegt der Preis mit rund 1.000 US-Dollar weit über dem Niveau des 6 Zoll eBook Reader Marktes und zielt somit ganz klar auf eine andere Zielgruppe ab.

Das Ende der Sony eReader sorgt bei mir für Wehmut, denn das erste dedizierte Lesegerät in meinem Besitz war ein Sony PRS-505. Das Gerät wurde im Jahr 2007 per Versand teuer aus den USA importiert und sorgte für viele freudige Lesestunden. Das ging so weit, dass ich den eBook Reader nach einem Akkudefekt nochmals bei Thalia im Restbestand erworben habe, nachdem der PRS-600 schon am Markt war. Der geringere Kontrast des Nachfolgers sorgte aber dafür, dass ich doch lieber zum bewährten PRS-505 griff.

Rückblickend kann man jedenfalls sagen, dass Sony bei der technischen Umsetzung der Lesegeräte einen enorm wichtigen Beitrag für die Entwicklung geleistet hat. Ohne Sony wäre der Markt ohne Zweifel nicht dort wo er heute ist. Allerdings muss man auch klar festhalten, dass der japanische Konzern besonders im Bereich der Serviceleistungen eine Reihe von folgenreichen Fehlern gemacht hat, die letztendlich maßgeblich für das Ende des eBook Geschäfts verantwortlich sein dürften. Der größte Fehler war sicherlich der Versuch mit Amazon und Barnes & Noble am US-Markt zu konkurrieren, ohne dabei einen vergleichbaren Kauf-Komfort zu bieten. Ohne WLan-Unterstützung des PRS-600 und PRS-650 war die Aussicht auf Erfolg relativ gering. Gleichzeitig ließ man den sonstigen internationalen Markt mehr oder weniger links liegen, sodass am wichtigen deutschen Buchmark ein eigener eBook Store im Grunde viel zu spät gestartet wurde. Da war die Konkurrenz aber schon längst in Europa und man hat die Möglichkeiten, die zweifellos vorhanden waren, einfach verstreichen lassen.

Für den eBook Reader Markt wird sich mit dem Wegfall Sonys damit nicht allzu viel ändern. Einzig Libri bzw. eBook.de muss sich neu orientieren, wobei ich bereits damit spekuliert habe, dass der PocketBook Touch Lux 2 (möglicherweise unter eigenem Label) stärker in den Fokus der zukünftigen eBook-Strategie rücken wird. Andere Marktteilnehmer (Thalia) haben sich schon vor Jahren von der Abhängigkeit Sonys verabschiedet, womit das Ende auf sie ohnehin keine Auswirkungen mehr hat. Nachdem Sony mit den vergangenen Modellgenerationen relativ innovationsarme Geräte auf den Markt gebracht hat, wird der Einfluss auf den Mitbewerb und den sonstigen Markt überschaubar bleiben.

Für Fans der Marke wird das aber nur ein schwacher Trost sein. Über kurz oder lang werden eingefleischte Sony Reader Nutzer auch auf andere eBook Reader Hersteller umsteigen müssen. Immerhin hat sich mit PocketBook seit geraumer Zeit ein neuer Innovationsträger herauskristallisiert, der dank der neuen Bedienoberfläche auch endlich den größten Kritikpunkt der bisherigen Geräte auszuräumen verspricht.

10 Jahre: Sony eBook Reader von Anfang bis Ende