Mayersche und Osiander setzen auf Tolino, PocketBook ade

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Der deutsche eBook-Markt befindet sich seit dem Start der Tolino-Allianz im Wandel. Trotz des relativ späten Markteinstiegs von Amazon konnte der US-Versandriese (mangels prominenter Konkurrenzangebote) in den Jahren vor 2013 die meisten Digitalkunden gewinnen. Seit der Einführung des Tolino Shine ist aber alles anders, denn zum Verkauf des ersten Tolino-eReaders haben sich die großen deutschen Buchhändler zusammengeschlossen um Amazon gemeinsam die Stirn zu bieten und den Kunden ein mindestens ebenso gutes digitales Leseerlebnis zu bieten.

In den vergangenen Jahren lief es dann mit dem Vertrieb zwar offenkundig ganz gut, allerdings hat inbesondere die Weltbild-Insolvenz, das Ende des Club Bertelsmann und auch die Schließung des Telekom Pageplace das ehemals große Vertriebsnetz doch ein wenig verkleinert.

Mit dem Einstieg des Buchgroßhändlers Libri setzte man schon im vergangenen Jahr zur Kurskorrektur an und nun bessert man diesen Umstand endgültig aus, denn wie bereits vor einer Woche auf ALLESebook.de spekuliert wurde, steigen die beiden Regionalfilialisten Mayersche und Osiander ins Tolino-Geschäft ein. Das wird der Presse am heutigen Tag per Aussendung mitgeteilt. Mehr noch: Die beiden Buchhändler setzen exklusiv auf den Tolino-Vertrieb, womit das bisherige Verkaufskonzept umgekrempelt wird und PocketBook wohl ganz rausfliegen dürfte.

Ein ähnlicher Schritt war bereits bei eBook.de zu sehen, wo vor der Tolino-Einführung andere Modelle (von PocketBook) ebenfalls aussortiert wurden.

Erfreute Tolino-Verantwortliche

Naturgemäß zeigen sich die Tolino-Partner, ebenso wie die zwei Neueinstiege, hocherfreut über den Schritt. „Erfolgsfaktoren von tolino sind ganz klar die Offenheit des Systems, die dem Kunden die Wahl des Händlers überlässt, und die stetige Innovation für unsere Kunden bei den tolino-Lesegeräten und dem gesamten Ökosystem“, heißt es seitens Weltbild.

Michael Busch von Thalia kommentiert die Entwicklung wie folgt: „Der Anschluss unserer neuen Partner, Mayersche und Osiander, zeigt, dass tolino bereits zu einer nicht mehr wegzudenkenden eReading-Größe geworden ist. Offenheit schließt eben nicht aus, sondern ein. Mit jedem neuen Partner gewinnt tolino an Sichtbarkeit und Präsenz – und das genau dort, wo Kunden fachkundige Beratung rund ums Buch suchen. Eine Kombination, die tolino zu der eReading-Marke Europas macht.“

Dass die Tolino-Marke mittlerweile zu einer Fixgröße am deutschen eBook-Markt geworden ist, das wissen selbst Personen, welche die Marktentwicklung nicht wirklich verfolgt haben. Interessant ist hierbei aber natürlich der Hinweis auf den europäischen Kontext, denn die Buchhandelsallianz ist nicht nur im deutschsprachigen Raum aktiv, sondern mittlerweile auch südlich und nördlich davon. Eine weitere Expansion ist wohl nur eine Frage der Zeit.

Zuletzt wollen wir auch noch einen Blick auf die Hugendubel-Stellungnahme werfen: „Eine Allianz aus Wettbewerbern hat das unmögliche geschafft. Fast jeder zweite eBook-Leser in Deutschland ist Kunde der tolino-Allianz. In gut jedem dritten Buchladen in Deutschland kann man heute einen tolino kaufen“. Wir wissen bereits seit November 2014, dass die Tolino-Allianz einen kombinierten Anteil von über 45 Prozent an den deutschen eBook-Verkäufen hat. Mit dem Einstieg der beiden Regionalfilialisten dürfte sich dieser Anteil noch weiter zugunsten der Buchhandelspartner verschieben.

Zwei neue Tolino eReader zur Frankfurter Buchmesse

In einem Nachsatz der Pressemeldung heißt es: „Pünktlich zur Buchmesse werden die tolino-Partner aus dem Buchhandel mit der Telekom als herausragendem Technologiepartner zwei neue erstklassige Lesegeräte vorstellen“.

Dass es einen neuen eBook Reader geben wird, wussten wir schon, denn wie bei uns exklusiv berichtet wurde, wird das nächste Flaggschiff-Modell der Allianz Tolino Vision 3 HD heißen. Das war in einer Beschreibung für eine Schutzfolie (des Vision 2) zu lesen, bevor der Textzusatz entfernt wurde.

Das neue High-End-Modell wird optisch vermutlich gleich aussehen wie der Tolino Vision 2 und die selben Abmessungen besitzen, allerdings mit einem hochauflösenden 300 ppi Display ausgestattet sein – genauso wie Kindle Paperwhite, Voyage und Kobo Glo HD.

Offen bleibt, welche zweite Neuerung erscheinen wird. Es wäre denkbar, dass man ein neues Tablet auf den Markt bringen wird (und dieses in der Stellungnahme ebenfalls als „Lesegerät“ bezeichnet). Ebenso denkbar ist es allerdings, dass der Tolino Shine mit E-Ink Carta Display neu aufgelegt wird. Das wäre mit einem Blick auf eine Reihe verschiedener Konkurrenzmodelle nicht gänzlich überraschend, denn sehr viele Hersteller haben ihre beleuchteten E-Ink Pearl Modelle einem Technikupgrade unterzogen. Shine Kobo Aura und PocketBook Sense sind aktuell die einzig verbleibenden, beleuchteten eBook Reader mit Pearl-Technik.

PocketBook zurück in der Rolle des Underdog

Den größten Rückschlag durch den Einstieg der Mayerschen und Osianderschen Buchhandlung muss auf jeden Fall deren bisheriger Technologiepartner PocketBook hinnehmen. Der ehemalige Underdog des deutschen eReader-Marktes hatte sich in den vergangenen Jahren unter anderem dank der Präsenz bei den beiden Regionalfilialisten auch im Mainstream einen Namen gemacht und konnte inbesondere mit dem Touch Lux 2 viele Kunden gewinnen.

Allerdings lief es in der zweiten Jahreshälfte 2014 alles andere als rund im PocketBook-Lager und insbesondere der Start des Ultra war … frustrierend. Das hochpreisige Flaggschiff-Modell konnte aufgrund niedriger Kontrastwerte und ungleichmäßiger Ausleuchtung nicht überzeugen. Das eigentlich angepeilte Aushängeschild des Unternehmens verschwand dann recht schnell wieder in der Versenkung, sodass PocketBook mit einem technisch unterlegenen (aber grundsätzlich dennoch sehr guten) Touch Lux 2 gegen die E-Ink Carta Konkurrenz angetreten ist.

Mit dem eher überraschenden Start des Lux 3 (jetzt endlich mit E-Ink Carta inkl. guter Beleuchtung) sah es dann zwar wieder etwas besser aus, die Ankündigung, wonach das im heurigen Jahr aber die einzige Neuerscheinung PocketBooks bleiben wird, war für Fans des Unternehmens allerdings keine freudige.

Mit dem baldigen Start des Tolino Vision 3 HD werden alle drei wichtigen Konkurrenten (Amazon, Tolino und Kobo) Lesegeräte mit sogenannten „Retina“-Displays anbieten, während PocketBook zu einem kaum günstigeren Preis (UVP: 109 Euro) den Lux 3 im Programm hat. Das größte Problem dabei ist nun aber der Verlust der beiden wichtigsten Handelspartner.

Ohne Osiander und der Mayerschen Buchhandlung verschwindet PocketBook mehr oder weniger aus dem deutschen Buchhandel. Zwar sind die Geräte für unabhängige Buchhändler via Umbreit und KNV weiterhin bestellbar und der auf der Frankfurter Buchmesse an den Start gehende Cloud-Dienst sollte das Angebot attraktiver machen, aber aufgrund der mittlerweile erdrückenden Marktmacht der Tolino-Allianz am deutschen Digitalmarkt (und dem damit verbundenen Wegfall der beiden regionalen Vertriebspartner) ist PocketBook im Grunde wieder zurück in der Rolle des Underdog.

Deutschland zweigeteilt

Und so darf man letztendlich auch festhalten, dass der digitale Buchmarkt in Deutschland nun endgültig einer Zweiteilung unterliegt: Auf der einen Seite befindet sich Amazon, auf der anderen die Tolino-Allianz.

Die beiden Anbieter haben zusammengerechnet einen Anteil von zumindest 84 Prozent am heimischen eBook-Markt, womit den verbleibenden Mitbewerbern ein nur kleiner Stück vom Kuchen bleibt. Allerdings muss man in diesem Zusammenhang aber auch festhalten, dass die Geschäftsstruktur der beiden Konkurrenten eine völlig andere ist. Im Tolino-Verbund befinden sich acht Partner (Thalia, Weltbild, Hugendubel, Libri, Club Bertelsmann, Weltbild, Telekom, Mayersche, Osiander), die sich den halben Marktanteil untereinander aufteilen. Dahingegen kontrolliert Amazon die andere Hälfte ganz alleine.

Im Gegensatz zu PocketBook ändert sich für Kobo an der neuen Marktsituation zunächst nicht allzu viel, denn die beiden Regionalfilialisten waren ohnehin schon Konkurrenten des japanisch-kanadischen eReader-Spezialisten.

Wenn überhaupt dann kann Kobo durch den Sichtbarkeitsverlust PocketBooks in Deutschland langfristig eher dazugewinnen, denn es ist gut möglich, dass die Geräte des Unternehmens von vielen Personen nur noch als einzige Alternative gegenüber Amazon und Tolino wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass Kobo immer wieder mit diversen Preisaktionen bei Media-Saturn und anderen Elektronikhändlern auffällt, während sich PocketBook zumindest in den vergangenen Jahren verstärkt auf den Direktvertrieb im Buchhandel konzentriert zu haben scheint und anderweitig nicht allzu stark aufgefallen ist.

Die recht deutliche Marktaufteilung ist aus Kundensicht nicht nur positiv zu bewerten, immerhin ist ein möglichst heterogenes Angebot grundsätzlich zu bevorzugen. Allerdings war der Zusammenschluss mit Tolino für Osiander und der Mayerschen ein logischer Schritt, denn wenn der Technologiepartner nicht zeitnah Technik auf Augenhöhe zur Konkurrenz liefert, dann schaut man sich naturgemäß nach Alternativen um. Zudem darf angenommen werden, dass der Aufwand mit angepasster Firmware und speziell geschnürten Bundles beim bisherigen PocketBook-Verkauf größer gewesen sein dürfte, als das zukünftig mit dem Tolino-Verkauf der Fall sein wird.

Wie so oft, kann man auch heute wieder festhalten: Man darf gespannt sein, wohin die Reise am deutschen eBook-Markt gehen wird.