Kindle Paperwhite und Tolino Shine 2 HD im Vergleich

2. Dezember 2015
Geschätzte Lesezeit: 8:54 Min.

Kindle Paperwhite gegen Tolino Shine – beinahe ein Klassiker am deutschen eBook Reader Markt. Im Jahr 2013 ist der erste Shine erschienen und machte mit dem deutlich niedrigeren Einstiegspreis und der Vor-Ort-Verfügbarkeit im Buchhandel dem Amazon Flaggschiff Feuer unterm Hintern.

Im ersten Jahr nach dem Startschuss konnte die Tolino-Allianz mit dem Gerät rasant an Marktanteilen gewinnen. Danach schien sich die Entwicklung aber zu verlangsamen, was wohl daran gelegen hat, dass Amazon den Paperwhite schließlich deutlich im Preis gesenkt hat und die nachfolgenden Tolino-Modelle von der Bildschirmqualität nie einhunderprozentig auf Augenhöhe waren.

Mit der neuen Tolino-Generation ist damit aber Schluss. Shine 2 HD und Vision 3 HD konnten in unseren Tests beweisen, dass sie eine herausragende Ablesbarkeit bieten, die der des Paperwhite in nichts nachsteht. Da macht es natürlich wieder Sinn, einen Detailvergleich anzustellen. Somit treten nachfolgend Kindle Paperwhite 3 und Tolino Shine 2 HD im eBook Reader Vergleich gegeneinander an.

Gehäuse und Verarbeitung

Amazon hatte schon immer ein glückliches Händchen bei der Verarbeitung der Kindle Modelle. Beim Paperwhite ist das nicht anders: Das Gehäuse wird bereits seit 2012 mit nur einigen geringen Anpassungen genutzt und fühlt sich weiterhin sehr solide und haptisch ansprechend an.

Der Tolino Shine 2 HD konnte in unserem Test ebenfalls mit einer sehr guten Verarbeitung überzeugen. Einzig das etwas hohl klingende Rückcover (wenn man etwas fester mit dem Finger draufklopft) könnte besser sein. Dafür hat das Gerät gegenüber dem Kindle Paperwhite einen spürbaren Gewichtsvorteil (184 g vs. 205 g).

Nettes Detail: Das jeweilige Markenlogo ist bei beiden Gerät relativ unauffällig angebracht.

Ein nettes Detail der beiden Konkurrenten: Sowohl das Kindle- als auch das Tolino-Logo sind auf der Vorderseite in einem unauffällig, dunklen Farbton aufgedruckt. Das sieht nicht nur besser aus, sondern lenkt auch beim Lesen weniger ab.

Aufgrund des spürbaren Gewichtsvorteils entscheidet der Tolino eReader die erste Runde für sich.

Sieger: Tolino Shine 2 HD

Ausstattung

Die Hardwareaustattung erweist sich unterm Strich als sehr ähnlich: Beide besitzen ein 6 Zoll Display (siehe unten) mit Beleuchtung und eine WLan-Verbindung. Der nutzbare interne Speicher ist beim Paperwhite mit rund 3 GB um 50 Prozent größer als beim Shine (rund 2 GB). Eine Speicherkartenerweiterung gibt’s weder beim Kindle, noch beim Tolino eReader.

Auch Blättertasten sucht man bei beiden eBook Readern vergeblich. Der Shine besitzt zwar neben dem Einschaltknopf auch einen Knopf zum Aktivieren der Beleuchtung, sowie Home-Button, nennenswerte Vorteile in der Nutzung bieten diese im direkten Vergleich aber nicht.

Klar im Vorteil ist aber wiederum der Kindle, wenn man auch die 3G-Version in den Vergleich miteinbezieht. Zugegeben, das ist aufgrund des deutlich höheren Preises nicht ganz fair, aber der Vollständigkeit halber muss es doch erwähnt werden. Amazon bietet den Paperwhite zu einem einmaligen Aufpreis auch mit einer UMTS-Verbindung an. Damit lassen sich eBooks auch unterwegs ohne bestehende WLan-Verbindung herunterladen. Für Personen die zuhause kein Internet bzw. WLan haben, oder oft auf Reisen sind, ist das ein sehr nützliches Feature.

Immerhin kann der Tolino Shine 2 HD bei Bastlern mit einer auswechselbaren, internen MicroSD-Karte punkten. Wenn man die (bombenfest sitzende) Rückseite abnimmt, kann man den internen Speicher mit ein wenig Bastelarbeit vergrößern. Da dies vom Hersteller aber nicht vorgesehen ist (und potentiell einen Garantieverlust zur Folge hat), fließt dies nicht in die Bewertung ein.

Da die sonstige Austattung identisch ist, entscheidet der Paperwhite die Runde aufgrund des größeren nutzbaren, internen Speichers für sich.

Sieger: Kindle Paperwhite (+3G)

Software

Lange Zeit stand Amazons Software in der Kritik, weil sie die für deutsche eBooks so wichtige Silbentrennung nicht beherrscht hat (bzw. nur für einzeln vobereitete Titel). Das hat mit dem Start des Paperwhite 3 glücklicherweise endlich ein Ende gefunden. Die neue Firmware und das neue eBook-Format (KFX) von Amazon sorgen dafür, dass es Silbentrennung beim Großteil der angebotenen eBooks gibt.

Was die sonstigen Funktionen angeht, entscheidet der Kindle Paperwhite den Vergleich recht klar für sich. Der eReader punktet in vielen Bereichen mit den ausgereifteren Funktionen.

Das Amazon-Modell bietet die bessere und übersichtlichere Wörterbuchfunktion, inkl. Online-Übersetzung ganzer Textpassagen, eine sehr übersichtliche Lesezeichenfunktion, sowie einen Vokabeltrainer und eine ausgezeichnete Kindersicherung. Auch einige kleinere Gimmicks (z.B. Anzeige der geschätzten Lesezeit) verbessern den Lesealltag.

Die Software des Kindle Paperwhite 3 bietet mehr.

Die Software des Tolino Shine 2 HD ist zwar keinesfalls schlecht und bietet ebenfalls die wichtigsten Funktionen (Schriftanpassung, Notizen, Wörterbücher, Bücherregale), die man heutzutage erwartet. Im direkten Vergleich fällt aber doch auf, dass Amazon aufgrund der längeren Marktpräsenz auch mehr Zeit hatte, die Software im Detail zu optimieren und zu erweitern

In zwei Bereichen kann der Tolino eBook Reader aber trotzdem klar punkten: Erstens unterstützt das Gerät E-Pub Dateien, sodass man auch andere Shops nutzen kann (abseits des eingebauten). Zweitens ist der Internetbrowser dank Android-Unterbau schneller und rendert Webseiten üblicherweise fehlerfreier.

Apropos Android: Bastler und Modder können den Shine 2 HD rooten. D.h. es ist möglich, vollständigen Zugriff auf das Betriebssystem zu erlangen und auch eigene Apps zu installieren. Wie auch beim Speicherkartenaustausch (siehe oben), ist das allerdings eine Funktion, die vom Hersteller nicht vorgesehen wurde und einen möglichen Garantieverlust zur Folge hat. Daher fließt die Rooting-Option nicht in die Vergleichswertung ein.

Sieger: Kindle Paperwhite

Display

Nun zum wohl wichtigsten Punkt: Der Displayvergleich. Am Papier unterscheiden sich die beiden Modelle nicht. Beide besitzen einen 6 Zoll E-Ink Carta Bildschirm mit einer Auflösung von 1448×1072 Pixel. Die Pixeldichte beträgt dementsprechend sehr hohe 300 ppi. Kurzum: Die Schrift ist extrem scharf – wie beim gedruckten Buch.

Gestochen scharfe Textdarstellung auf beiden Geräten. Der Tolino Shine 2 HD ist (ohne Beleuchtung) etwas heller, dafür hat der Kindle Paperwhite 3 die geringfügig dunklere Schrift. Im Endeffekt ist das Kontrastverhältnis fast gleich.

Glücklicherweise sind die beiden Displays nicht nur in der Theorie identisch, sondern auch in der Praxis sehr ähnlich. Das Kontrastverhältnis von Kindle Paperwhite und Tolino Shine 2 HD ist mit und ohne Beleuchtung auf dem gleichen hohen Niveau. Mit freiem Auge sind in der Anzeigequalität dementsprechend kaum Unterschiede feststellbar.

Die Ausleuchtungsqualität ist bei beiden Modellen ebenso hervorragend. Legt man Paperwhite und Shine 2 HD nebeneinander, stellt man schnell fest, dass die Gleichmäßigkeit der Lichtverteilung in beiden Fällen sehr gut ist. Störende Farbverläufe, Lichtflecken, Schatten und ähnliche Macken sucht man vergeblich.

Die Farbtemperaturen der Beleuchtungen ist quasi identisch. Hierbei gilt jedoch festzuhalten, dass es immer eine gewisse Schwankung gibt und die LED-Farben mal etwas wärmer, mal etwas kühler sind. Es kann also vorkommen, dass sich zwei andere Geräte stärker voneinander unterscheiden, als das bei meinen Testgeräten der Fall ist.

Sehr ähnliche Verteilung des Lichts und auch wieder mit vergleichbaren Kontrastwerten. Auch die Farbtemperatur ist quasi gleich. Tolino Shine 2 HD (links), Kindle Paperwhite 3 (rechts).

Den einzig nennenswerten Vorteil kann sich der Kindle Paperwhite bei der Helligkeitseinstellung erkämpfen. Der Amazon eBook Reader leuchtet nämlich rund 30 Prozent heller. Das ist in gut ausgeleuchteten Räumen von Vorteil, denn selbst da kann man die Beleuchtung nutzen, um die Ablesbarkeit zu verbessern.

Aber auch am anderen Ende des Spektrums ist der Paperwhite geringfügig besser: Die niedrigste Lichteinstellung ist deutlich dunkler, sodass lichtempfindliche Personen im komplett abgedunkelten Raum mit Sicherheit nicht geblendet werden. Das dürfte zwar für den Großteil der Nutzer eines Shine ebenfalls kein Thema sein, ist für eine kleine Gruppe von Personen aber dennoch erwähnenswert.

Beim Paperwhite empfinden es manche allerdings als Nachteil, dass die Beleuchtung nicht vollständig abgeschaltet werden kann. Selbst auf Stufe 0 leuchtet das Display minimal, sodass man den eReader im Dunkeln bedienen kann. Das fällt tagsüber überhaupt nicht auf und hat in meinen Augen eigentlich keine Auswirkungen auf die Nutzung. Der Vollständigkeit halber sei es hier aber erwähnt.

Letztendlich befinden sich beide Modelle damit so ziemlich auf dem gleichen Niveau. Aufgrund der Vorteile bei der Helligkeitseinstellung holt sich der Kindle Paperwhite jedoch den Punkt. Wie schon im Vergleich zwischen Vision 3 HD und Shine 2 HD beträgt der Vorsprung aber auch hier nur eine Haaresbreite und fällt in der Praxis in der Regel nur unwesentlich auf.

Sieger: Kindle Paperwhite

Preis-Leistungs-Verhältnis

Wie schon im Vergleich zum Vision 3 HD kann sich der Shine 2 HD in Sachen Preis-Leistungs-Verhältnis durchsetzen. Zwar liegt der Einstiegspreis bei Shine und Paperwhite mit 120 Euro gleichauf, das gilt beim Amazon-Gerät allerdings nur für die werbegestützte Variante.

Bei dieser Version befindet sich am Standby-Bildschirm Werbung für Kindle-Zubehör und diverse eBooks. Um zum Homescreen zu gelangen muss man außerdem zusätzlich über den Bildschirm wischen. Am Startbildschirm selbst gibt’s wiederum eine kleine Einblendung am unteren Rand (siehe Homescreen Foto oben). Sonstige Werbung muss man glücklicherweise nicht in Kauf nehmen.

Wenn man keine Werbung am Standby-Bildschirm haben möchte, dann muss man beim Kindle Paperwhite 20 Euro Aufpreis bezahlen.

Will man den Kindle Paperwhite ganz ohne Werbung haben, muss man 20 Euro mehr bezahlen, wodurch sich das Preis-Leistungs-Verhältnis knapp zugunsten des Tolino Shine 2 HD verschiebt.

Man muss der Vollständigkeit halber aber auch erwähnen, dass die Tolino-Modelle nicht ganz frei von Werbung sind. Am Startbildschirm befinden sich nämlich nicht ausblendbare Buchvorschläge des eingebauten Shops. Das kann ebenfalls durchaus störend sein.

Sieger: Tolino Shine 2 HD

Fazit

Auch wenn der Kindle Paperwhite diesen Vergleich nach Punkten gewinnt (3:2), so muss man doch festhalten, dass das Rennen noch nie so knapp war, wie in diesem Jahr.

Im wichtigen Bildschirmvergleich sind die Unterschiede sehr gering. Kindle Paperwhite und Tolino Shine 2 HD befinden sich hier tatsächlich auf Augenhöhe. Das erwähne ich deshalb so oft, weil es bisher immer einen sichtbaren Kontrast- und Ausleuchtungsunterschied zu den älteren Tolino-Generationen gab. Diesen Abstand hat die deutsche Buchhandelsallianz nun endlich voll und ganz aufgeholt, sodass man als Tolino-Besitzer keine Kompromisse in der Anzeigequalität mehr eingehen muss.

Zwei tolle eBook Reader!

Die Vorteile des Paperwhite sind weiterhin in der Software zu finden. Hier merkt man besonders im direkten Vergleich, dass mehr Zeit in die Kindle-Entwicklung geflossen ist. Der größte Nachteil (fehlende E-Pub-Unterstützung) wird wiederum durch die extrem einfache Zugänglichkeit und erste Inbetriebnahme teilweise wett gemacht.

Schlussendlich präsentieren sich beide Hersteller mit den Modellen von ihrer besten Seite. Technisch, hapitsch und funktionell werden die allermeisten digitalen Leseratten hochzufrieden mit Paperwhite und Shine 2 HD sein.


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