Kindle vor dem Aus? Wohl kaum.

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Vor wenigen Tagen gab’s hier einen Artikel, der das vergangene Weihnachtsgeschäft von Amazon in aller Kürze beleuchtet hat. Dabei ist der Kindle Paperwhite – das aktuell wichtigste Lesegerät des Unternehmens – besonders gut weggekommen. Es war das am häufigsten verkaufte Elektronikprodukt bei Amazon.de. Damit durfte sich der deutsche Ableger des Versandriesen abermals über ein erfolgreiches eReading-Weihnachtsgeschäft freuen.

Ganz anders sah eine Schlagzeile bei den Kollegen von Chip Online aus, die in unserem Forum aufgegriffen wurde. Das Technikportal berichtet von eingebrochenen Verkaufszahlen des Kindle. Im Titel wird dann sogar das völlige Aus des eBook Reader Angebots von Amazon in den Raum gestellt. Woher kommt dieser eklatante Unterschied zu der eingangs erwähnten Erfolgsmeldung?

Kindle Verkäufe eingebrochen?!

Der Chip-Artikel bezieht sich nicht etwa auf die Angaben von Amazon, sondern auf Aussagen des CEO des größten britische Filialbuchhändlers Waterstones, der dieser gegenüber der Financial Times getätigt hat. Darin heißt es sinngemäß, dass die Kindle eReader Verkäufe im Grunde „verschwunden“ sind. Im Dezember sind die Verkäufe bei gedruckten Büchern hingegen um fünf Prozent gestiegen.

Ins gleiche Horn bläst auch die Buchhandlung Foyles. Das Unternehmen verkauft im Gegensatz zu Waterstones allerdings keine Kindle eReader, sondern Barnes & Noble Nook. Deren Verkaufszahlen waren „nicht so eindrucksvoll wie man das erwartet hatte“, so Foyles.

Es scheint also nicht nur die Kindle-Sparte zu treffen, gewissermaßen im gleichen Atemzug wird bei der Financial Times auch das Nook-Angebot genannt, um ein Bild von einem schwächelnden eBook-Markt zu reichnen. Schauen wir uns das doch genauer an.

Paperwhite weiterhin erfolgreichster eReader

Erwähnenswert ist zunächst, dass Waterstones seit 2011 radikale Umbaumaßnahmen hinter sich hat. Der CEO wurde nach der Übernahme des Unternehmens an Bord geholt, um die Buchhandelskette wieder in die Gewinnzone zu führen. Heuer soll es so weit sein. Vor diesem Hintergrund kommt es nicht so überraschend, wenn derjenige der Millionen in den Umbau des Unternehmens (und der Läden) gesteckt hat, die Erfolge der Maßnahmen in den Vordergrund stellt – das liegt in der Natur der Sache. Dass die Kindle-Verkäufe bei Waterstones eingebrochen sind, mag nun viele Gründe haben – genaue Verkaufszahlen wurden aber ohnehin nicht genannt, sodass man darüber nur spekulieren kann.

Eine Sache soll allerdings nicht unerwähnt bleiben: Das Wachstum im Print-Bereich liegt laut Waterstones-Aussage bei fünf Prozent … im Dezember. Das ist für die einzelnen Buchhandlungen zwar erfreulich, aber letztendlich kann man dieses marginale Wachstum nicht dafür verantwortlich machen, dass die Kindle-Verkäufe (angeblich) weggebrochen sind.

Werfen wir daher lieber einen Blick auf die Verkäufe von Amazon UK. Der britische Ableger des Versandriesen verkauft die eReader-Modelle natürlich auch auf der eigenen Homepage. Hier zeigt sich die Lage ganz anders: Auch in Großbritannien war der Kindle Paperwhite das beliebteste Elektronikprodukt. Von einem Ende der Kindle Lesegeräte kann also nicht die Rede sein – im Gegenteil: Während der Paperwhite im Jahr 2013 meist hinter dem Kindle Fire HD auf dem zweiten (oder sogar dritten) Platz lag, konnte sich der eBook Reader im Jahr 2014 mehere Wochen an die Spitze der Elektronikcharts halten.

Schwerer Stand für Barnes & Noble

Die Schlagzeile wonach die Kindle-Verkäufe eingebrochen sind (egal ob auf Basis der deutschen oder britischen Zahlen), ist also nur schwer haltbar. Ein Aus der dedizierten Lesegeräte ist jedenfalls mehr als unwahrscheinlich.

Achja, noch ein Wort zu Foyles bzw. Nook: Barnes & Noble hatte in Großbritannien ohnehin einen nicht ganz einfachen Start. Im Jahr 2013 wurden die eBook Reader zu Schleuderpreisen verkauft. Einen Nook Touch hat man bereits für läppische 35 Euro bekommen. Dass sich der für rund 115 Euro deutlich teurere Nook Glowlight, der dem Hauptkonkurrenten von Amazon technisch nicht das Wasser reichen kann, nun schlechter verkauft, war abzusehen. Das mag man dann auch als „nicht eindrucksvoll“ bezeichnen (s.o.).

Dennoch muss man natürlich auch bedenken, dass der eBook Markt sicherlich nicht ohne Grenzen wächst. An irgendeinem Punkt ist das Plateau erreicht, was sich letztendlich auch auf die Verkaufszahlen der dedizierten Lesegeräte (dank langer Haltbarkeit, aufgrund langsamer Technologiezyklen) auswirken dürfte. Die Marktanteile der Digitalbücher beim eBook-Vorreiter USA liegen bei rund 30 Prozent aller verkauften Bücher (nach Anzahl, nicht nach Umsatz). Diese Schwelle wird mittlerweile auch als Richtwert für andere Märkte genommen, wobei der britische Buchmarkt hier deutlich näher dran ist als der deutsche.

Waterstones vor digitaler Neuausrichtung?

Letztendlich sollte man der Aussage des Waterstones CEO nicht allzu viel Bedeutung beimessen – zumindest nicht für den Gesamtmarkt. Wahrscheinlicher ist, dass sich das Unternehmen von Amazon trennen will und nun schon vor der offiziellen Ankündigung die Weichen dafür stellt.

The Digital Reader spekuliert sogar, dass Waterstones als nächstes mit der Tolino-Allianz gemeinsame Sache machen könnte. Dass die britische Kette bei einem möglichen Ende der Amazon-Zusammenarbeit ganz ohne Digitalgeschäft weitermacht, ist unwahrscheinlich und die Tolino-Allianz ist aktuell sowieso auf Expansionskurs. Viele Alternativen gibt’s auch nicht: Barnes & Noble arbeitet bereits mit mehreren anderen britischen Buchhandlungen zusammen (wie oben erwähnt offenbar mit durchwachsenem Erfolg), Kobo mit WHSmith und sonstige Anbieter bzw. Gerätehersteller gibt’s im Grunde kaum. Allerdings muss man natürlich festhalten, dass die Tolino-Marke bisher nur in Ländern gestartet ist, deren eBook-Märkte noch nicht so weit fortgeschritten waren, wie das bei den Briten der Fall ist.

Man darf jedenfalls gespannt sein. Dass die Tolino-Allianz ihre Expansion auch im Jahr 2015 fortsetzt, ist nicht unwahrscheinlich – wieso also nicht auch in Großbritannien? Wir halten euch auf dem Laufenden.