Das Ende der eBook Reader? Wohl kaum!

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Vor wenigen Tagen machte eine aufmerksamkeitserregende Meldung die Runde: eBook Reader stünden vor ihrem Ende. Das meldet das Marktforschungsunternehmen iSuppli. Die Pressemitteilung wurde von vielen Blogs und Newsseiten aufgegriffen, wobei die Nachricht kaum hinterfragt wurde. Stehen eBook Reader bereits wieder vor ihrem Ende? Wir sagen nein.

Das Marktforschungsunternehmen iSuppli stützt sich auf die diesjährigen weltweiten Verkaufszahlen von eBook Readern, welche im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken sind. Insgesamt sollen 2012 laut iSuppli 14,9 Millionen eBook Reader ausgeliefert werden. Im Jahr 2011 waren es noch 23,2 Millionen Stück. Anhand des 36 prozentigen Rückgangs prognostiziert das Unternehmen einen weiteren starken Rückgang für die kommenden Jahre: im nächsten Jahr sollen noch 10,9 Millionen Lesegeräte verkauft werden; 2016 sollen es schließlich nur noch 7,1 Millionen Geräte sein. Digitimes spricht für 2012 sogar von nur 9,82 Millionen verkauften eBook Readern weltweit.

iSuppli sagt voraus, dass eBook Reader bald das gleiche Schicksal ereilen wird wie MP3-Player, Digitalkameras und Navigationssysteme. Geräte die nur eine Funktion besitzen, sollen durch Tablets und Smartphones abgelöst werden. Der Tablet-Boom ist laut den Marktforschern auch der Hauptgrund, weshalb die eBook Reader Verkäufe so stark gefallen sind. Tablets erfreuen sich aufgrund der umfangreichen Funktionalität angeblich auch bei Lesefreunden großer Beliebtheit. Die immer weiter fallenden Preise sollen die Kaufentscheidungen der KundInnen zugunsten der Tablets verschieben.

Gleichzeitig unterstreicht man die Botschaft mit dem kürzlich vorgestellten Txtr Beagle eBook Reader, welcher mit Mobilfunkvertrag für rund 10 Euro erhältlich sein soll. iSuppli sieht in dem Gerät die Zukunft der eBook Reader: Sie sollen nur noch mit starken Subventionen weit unter dem Herstellungspreis verkauft werden, sodass letztendlich mit den eBooks Geld gemacht wird.

So viel zur Kernbotschaft der Pressemeldung. Wenn wir das Ganze aber ein wenig kritischer betrachten, dann sieht die Sache schon anders aus. Das Unternehmen, welches jetzt den Untergang der eBook Reader voraussagt, hatte im letzten Jahr noch ganz andere Töne gespuckt. Im Dezember 2011 hat man von 27 Millionen verkauften eBook Readern weltweit gesprochen – und sich um gute 16 Prozent verschätzt. Kann ja Mal passieren … oder mehrmals: Ältere Prognosen haben für das Jahr 2011 hingegen nur ein Absatz von 16 Millionen eBook Reader vorausgesagt. Richtig interessant wird es aber erst, wenn man sich die damaligen Prognosen für 2012 bis 2015 ansieht. Demnach sollten die Verkäufe bis 2014 die 40 Millionen (!) Marke erreichen und erst im Jahr 2015 erstmals unter Vorjahresniveau liegen.

Man könnte jetzt natürlich argumentieren, dass iSuppli den Tablet-Boom unterschätzt hat, aber eigentlich sollte das einem seriösen Marktforschungsunternehmen nicht passieren. Schon damals waren mit den Tablets von Amazon und Barnes & Noble zwei zugkräftige, günstige 7 Zöller am US-Markt, welche gezeigt haben, wohin der Weg führt. Außerdem gab es schon Gerüchte über das Erscheinen eines eigenen Google Tablets und eines kleineren iPads. Dies kann eigentlich also kaum der Grund sein.

Interessant ist auch der 50 prozentige Unterschied (9,82 Millionen vs. 14,9 Millionen) zwischen den Prognosen von Digitimes und iSuppli für die diesjährigen Verkaufszahlen. Offenbar wissen die Unternehmen auch nicht mehr als wir und raten einfach ins Blaue, denn anders lässt sich die große Diskrepanz für das laufende Jahr (!) wohl kaum erklären.

Wenn wir uns die Bitkom-Prognosen für Deutschland ansehen, dann sehen die auch ganz anders aus. Bitkom spricht für 2012 von einem 247 prozentigen Anstieg (auf 800.000 Geräte) bei eBook Readern. 2013 soll ein weiterer Anstieg von 78 Prozent auf 1,43 Millionen verkaufte Lesegeräte erfolgen. Völlig entgegen dem Trend den iSuppli oder auch Digitimes vorhersagt. Wie kommt’s?

Wenn man sich die diesjährige Nachfrage bei eBook Readern ansieht, dann scheint die iSuppli-Prognose jedenfalls zweifelhaft. Der Kindle Paperwhite ist in jedem Land wo er angeboten wird, ausverkauft. Der Kobo Glo ist ebenfalls nur schwer zu bekommen – nicht nur hierzulande. Selbst das reguläre Kindle-Modell war bei Amazon Deutschland zwischenzeitlich nur mit Lieferverzögerung bestellbar. Solche Engpässe gabs in den letzten Jahren noch nie. Man kann natürlich argumentieren, dass die komplizierte Produktion der Beleuchtungstechnik die Engpässe verursacht, aber in Zeiten von Retina-Tablets wie dem Apple iPad oder Google Nexus 10 kann man das irgendwie schwer glauben.

iSuppli scheint (bzw. schien bereits bei der letzten Prognose) ebenfalls völlig außer Acht zu lassen, dass der US-Markt mit eBook Readern bereits gut versorgt ist. Fast jede/r Fünfte in den USA besaß bereits im Januar 2012 einen eBook Reader. Wozu also ein neues Gerät kaufen, wenn man mit dem vorhandenen zufrieden ist? Abgesehen vom eingebauten Licht sind die Techniksprünge längst nicht so groß wie bei Tablets oder Smartphones, womit auch die Lebenszeit der Geräte mit Sicherheit deutlich länger ist. Aber deshalb gleich den Untergang voraussagen?

Damit sind wir aber schon bei einem weiteren wichtigen Punkt: Die Entwicklung am US-Markt geschah beinahe explosionsartig. Viele wurden vom plötzlichen Erfolg der eBook Reader völlig überrascht. Im Rest der Welt sieht es aber ganz anders aus. In Europa steckt der eBook Markt noch in den Kinderschuhen, in Asien zu weiten Teilen ebenso, vom Wachstumsmarkt Südamerika gar nicht zu sprechen. Wie sich die Verkaufszahlen entwickeln werden, wird jedenfalls maßgeblich von den Veränderungen in diesen Regionen abhängen. Deutschland ist mit dem deutlichen Anstieg der diesjährigen Verkäufe (trotz der weltweit gesunkenen Auslieferungen) jedenfalls ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Zu guter letzt werfen wir noch einen Blick auf das Txtr-Argument. Der Beagle eBook Reader soll laut iSuppli die Zukunft der eBook Reader darstellen. Ein Gerät, welches bisher noch nirgendwo erhältlich ist und man von Txtr noch keine weiteren Informationen zu irgendwelchen möglichen Vertriebspartnern hat. Ein Gerät welches zur Vorstellung schon technisch veraltet war und den Komfort eines eBook Readers aufgrund eingeschränkter Schriftbildanpassung völlig vermissen lässt. Ein Gerät das man nur mit Hilfe eines Smartphones oder Tablets mit eBooks befüllen kann. Wirklich? Das soll die Zukunft sein? Wenn man sich die Entwicklung am Mobilfunkmarkt ansieht, dann scheint der Weg eher weg von gebundenen Verträgen und so subventionierter Hardware zu gehen. Das Google Nexus 4 ist das beste Beispiel. Das 300 Euro High-End-Smartphone ist überall ausverkauft und völlig ohne Vertragsbindung zu haben. Sicherlich ein Alptraum für viele Mobilfunkanbieter … und in meinen Augen auch eher kein gutes Verkaufsargument für das angestrebte Geschäftsmodell von Txtr. Nicht falsch verstehen, die Idee einen eBook Reader so zu vertreiben hat sicherlich auch seine Daseinsberechtigung und kann durchaus erfolgreich sein, aber die Zukunft der Branche stellt dies in meinen Augen nicht dar.

Ich habe allerdings keinen Zweifel daran, dass reine eBook Reader irgendwann tatsächlich ein Nischendasein führen werden. Nicht weil sie nichts taugen, oder die Leute plötzlich weniger lesen, sondern weil die Technik irgendwann gute Tablet-eBook-Reader-Hybride hervorbringt. Ein Gerät mit dem man augenschonend lesen und gleichzeitig auch einen guten multimedialen Funktionsumfang nutzen kann. Bisher scheint das aber noch fern und zumindest für 2013 scheint sowas auch nicht in Sicht. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass selbst bis 2015 kein solches Gerät zu haben sein wird. Trotz inzwischen monatelanger Verfügbarkeit gibt es aus Kostengründen bspw. noch immer keine 6 Zoll Farb-eInk-Reader. Es würde mich wundern, wenn die Hybridentwicklung schneller vonstatten gehen würde.

Jedenfalls bleibt abschließend festzuhalten, dass man auf die Prognosen der Marktforschungsunternehmen nicht allzu viel geben sollte. iSuppli hatte bereits in der Vergangenheit völlig verfehlte Vorhersagen gemacht und auch das jetzt genannte eBook-Reader-Untergangsszenario scheint bei näherer Betrachtung eher unwahrscheinlich.