Dein Buch liest dich … der gläserne Mensch im eBook-Zeitalter

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Der/die durchschnittliche Kobo-Leser/in benötigt nur sieben Stunden um das letzte Buch von Suzanne Collins Hunger Games (Die Tribute von Panem) Trilogie auszulesen – das sind 57 Seiten pro Stunde. Fast 18.000 Kindle-NutzerInnen haben die gleiche Textzeile im zweiten Buch markiert: „Manchmal sind die Menschen einfach machtlos gegen das, was mit ihnen geschieht.“ (Because sometimes things happen to people and they’re not equipped to deal with them.). Und auf Barnes & Nobles Nook Plattform ist das Erste was die meisten LeserInnen nach beenden des ersten Buches machen, gleich das nächste herunterzuladen.

Ausgelöst durch einen Artikel des Wallstreet Journals geistert diese Meldung gerade durch zahlreiche Medien. Während man bei gedruckten Büchern nur im Nachhinein deren Beliebtheit an verschiedenen Rezensionen und am Verkaufserfolg messen konnte, lässt sich dies mit eBooks nun direkt und ohne Verzögerung machen. Gleichzeitig beschreibt das WSJ privates Lesen im eBook-Bereich als Auslaufmodell: „Der jahrhundertealte private, zurückgezogene Akt des Lesens ist durch das Aufkommen elektronischer Bücher zu einer messbarem und quasiöffentlichen Aktivität geworden“.

eBook Reader zeichnen viele Daten ihrer NutzerInnen auf. Wie lange liest jemand an einem Buch? Wird es fertig gelesen? Wie schnell wird es gelesen? Wann und wo wird am häufigsten Pause gemacht? Wird es ein zweites Mal gelesen? Wo werden Markierungen und Notizen gesetzt und veröffentlicht oder weitergeleitet? All diese Dinge lassen sich dank integriertem WLan oder 3G ohne Probleme erfassen und an den Hersteller übermitteln. Einige der Funktionen (z.B. Notizen über Facebook zu teilen) bedürfen zwar der aktiven Handlung der NutzerInnen, meist bekommt man von der Überwachung allerdings wenig mit.

Amazon, Barnes & Noble, Apple und Google sind laut WSJ in dieser Hinsicht am weitesten fortgeschritten und können über eBook Reader und Tablet- bzw. Smartphone-Apps die Lesegewohnheiten der LeserInnen genauestens aufzeichnen. Barnes & Noble kann z.B. nachverfolgen, wie weit und schnell jemand liest oder welche Genres die Person bevorzugt. Diese Daten werden laut Jim Hilt, Vizepräsident von B&N, an Verleger weitergegeben, um ihnen Einblicke in deren Bücher zu geben und um diese in Zukunft auch verbessern zu können. Außerdem befinde man sich erst in den Anfängen der Datenanalyse, so Hilt.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht neu. Das bekannteste Beispiel in Sachen Sammelwut rund um deren NutzerInnen dürfte die Social-Media Seite Facebook sein. Obwohl deren Börsengang recht erfolglos war, gilt das Geschäft mit Nutzerdaten nach wie vor als höchst lukrativer Zukunftsmarkt. Die Daten werden ausgewertet und weiterverkauft.

Die Datensammlung von Amazon & Co. könnte neben dem Verkauf an Verlage aber auch einen Selbstzweck erfüllen. Amazon ist nämlich mittlerweile auch im Verlagsgeschäft aktiv, womit man sich durch genaue und aktuelle Daten zu den Lesegewohnheiten schnell und effektiv auf neue Trends einstellen kann. Kritiker befürchten allerdings, dass diese Art der Überwachung und Analyse schnell literarischen Einheitsbrei zur Folge haben könnte.

Datenschützer fordern unterdessen, dass die Überwachung der ausdrücklichen Zustimmung der NutzerInnen erfordert bzw. optional deaktivierbar sein sollte.

Danke an Florien für den Hinweis zum Artikel!