Nook verabschiedet sich aus Großbritannien

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Dass es um Barnes & Nobles eBook Geschäft schlecht steht, wissen wir nicht erst seit gestern. Seit Jahren macht die Nook-Geschäftssparte Verluste und eine Besserung der Situation ist nicht in Sicht.

Nun sieht es so aus, als ob sich das Digitalgeschäft des größten stationären US-Buchhändlers langsam aber sicher dem endgültigen Ende nähert. Mit 15. März wird das Unternehmen den britischen eBook-Store schließen. Am gleichen Tag wird auch der hauseigene App Store nicht mehr fortgeführt und am 30. April wird Nook Video ebenfalls eingestellt werden.

Bereits im Juni 2015 hat sich Barnes & Noble – abgesehen von Großbritannien – aus dem Europageschäft verabschiedet. Die Zukunft des UK-Geschäfts war damals noch offen. Mit der auf der Homepage angekündigten Schließung ist die Sache nun nach rund einem Jahr schließlich klar. Der zaghafte internationale Ausflug des US-Händlers findet ein endgültiges Ende.

Kundenmigration mit Nachteilen

Britische Nook-Kunden werden die Möglichkeit haben, ihre eBooks zu Sainsburys Entertainment zu übernehmen. Die Vorgehensweise erfolgt ähnlich wie beim Ausstieg Sonys aus den Endkundengeschäft. Kunden erhalten eine E-Mail mit Anweisungen um ihre Nook-Inhalte zum neuen Content-Anbieter zu übernehmen.

Knapp über zwei Wochen haben Nook-Kunden Zeit das Angebot in Anspruch zu nehmen. Ab 31. März wird man die erworbenen eBooks dann nicht mehr aus dem Nook-Account herunterladen können.

Für Besitzer eines dedizierten Nook Lesegeräts hat das Ganze trotz des Umzugs einen entscheidenden Nachteil: Wenn der britische Nook-Store geschlossen wird, können die Kunden keine Inhalte mehr am eBook Reader erwerben. Ab Ende März wird dann auch die Synchronisation nicht mehr funktionieren.

Die Sainsburys-eBooks können dementsprechend nur noch per Sideloading auf den eReader übertragen werden, was wiederum bedeutet, dass nur ein Teil des Speicherplatzes nutzbar ist. Der interne Speicher der älteren Nook-Modelle war nämlich in zwei Teile partitioniert: 1,5 GB sind hierbei für die Dateien reserviert die man bei Barnes & Noble gekauft hat, nur rund 500 MB können für Side-Loading verwendet werden.

Besitzer des zweiten Nook Glowlight ohne MicroSD-Speicherkartenerweiterung werden in der Nutzung also deutlich eingeschränkt. Ob Barnes & Noble Abhilfe schaffen wird und ein Softwareupdate veröffentlichen will, um dieses Problem zu beheben, ist unbekannt.

Viele Fehler, späte Kurskorrektur

Wenn man sich an die frühen Tage des US-eBook-Geschäfts zurückerinnert, dann darf man ruhig ein bisschen erstaunt darüber sein, wie schlecht das Nook-Segment mittlerweile dasteht. Vor rund 5 bis 6 Jahren befand sich Barnes & Noble im harten Wettbewerb um den schnell wachsenden US-Markt auf Augenhöhe mit Amazon.

Der Anfang vom Ende kam mit der Einführung der beiden Nook-HD-Tablets. Bereits damals prophezeiten zahlreiche Marktanalysen und Kundenbefragungen, dass die dedizierten Lesegeräte keine Zukunft haben würden. Stattdessen werden Nutzer bald auf Tablets umsteigen um eBooks zu lesen. In der Konsequenz hat Barnes & Noble zu diesem Zeitpunkt dann keinen neuen eBook Reader mehr vorgestellt, sondern sich voll und ganz auf die beiden Tablets verlassen.

Diese waren zugegebenermaßen gar nicht mal so schlecht – das Preis-Leistungs-Verhältnis hat gestimmt. Begeistern konnten sich für die Geräte aber offenbar nicht allzu viele Personen, sodass die Tablets schließlich mit massiven Preisabschlägen und gratis eReader-Zugaben verkauft werden mussten.

Anmerkung: Tatsächlich zeigen jüngere Marktanalysen jedoch, dass das Geschäft mit dedizierten Lesegeräten auch in den USA weiterhin wächst. Bis 2020 soll die Nutzerzahl von 83 Millionen auf 93 Millionen Personen ansteigen. Im gleichen Zeitraum soll die Zahl der Tablet-Nutzer von 160 Millionen auf 185 Millionen wachsen.

Den nächsten Fehler machte man, als man schließlich doch noch einen neuen eBook Reader vorgestellt hat. Anstatt ein Gerät auf Augenhöhe mit dem Kindle Paperwhite zu präsentieren, gab’s nur einen eReader mit bereits zum Marktstart veralteter Technik. Zu wenig um Kunden zu halten oder zurückzugewinnen.

Erst im Jahr 2015 wurde mit dem Nook Glowlight Plus ein eReader mit 300 ppi Display auf den Markt gebracht. Da war’s aber schon zu spät. Das Gerät bietet letztendlich keine nennenswerten Vorteile gegenüber den Kindle Voyage oder Paperwhite, sodass das Nook-Geschäft weiter schrumpft.

Insofern darf man gespannt sein, ob Barnes & Noble das eBook-Geschäft in den USA auch irgendwann einstampfen wird.

Chance für Tolino?

Amazon ist unangefochtener Marktführer in Großbritannien. Apple und Google können laut diversen Umfragen im Bereich um jeweils 10 Prozent Marktanteile für sich verbuchen, mit Kobo knapp dahinter. Verlässliche Zahlen sind allerdings nicht verfügbar. Den diversen Analysen gemein ist jedoch, dass sich Barnes & Noble auf den hinteren Plätzen des Marktes getummelt hat.

Es stellt sich zwar durchaus die Frage, ob die Tolino-Allianz irgendwann auch einen britischen Markteinstieg wagen wird, das Ende des Nook-Geschäfts wird aufgrund des geringen Marktanteils für solche Überlegungen aber vermutlich keine besondere Relevanz besitzen. An der Konkurrenzsituation am UK-eBook-Markt wird sich mit dem Nook-Rückzug nämlich kaum etwas ändern.

Dennoch wäre es natürlich durchaus interessant zu sehen, ob sich die Tolino-Marke im englischsprachigen Raum etablieren kann. In Deutschland konnte man dank Heimvorteil schnell Marktanteile gewinnen und die restliche Amazon-Konkurrenz rasch hinter sich lassen. Mittlerweile werden die Tolino eReader von allen großen Buchhandelsketten angeboten.

Letztendlich wird es wohl davon abhängen, wie das Geschäft in den Niederlanden, Italien und Belgien laufen wird. In Belgien kann man zudem auch schon Erfahrung damit sammeln, wie sich die fehlende Buchpreisbindung auf die Konkurrenzfähigkeit auswirkt.