eLearning: Digitales Lesen wirklich gleich gut? FAZ vs. Universität Mainz

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Rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse hat die Universität Mainz eine Pressemeldung veröffentlicht, wonach das Lesen auf digitalen Displays keine Nachteile hat. Ganz im Gegenteil: ältere Personen sollen Texte am Tablet-PC einfacher verarbeitet haben.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat die Studie aufgegriffen und stellt die Ergebnisse in mehreren Punkten in Frage. Zuerst wundert man sich über den Zeitpunkt der Veröffentlichung, denn warum sollen solche bahnbrechenden Ergebnisse gerade rechtzeitig zur Buchmesse vorliegen? Zufall? Daneben wird auch noch das Untersuchungsdesign und die Interpretation der Ergebnisse kritisiert.

Mit dem Eye-Tacking hatte man die Augenbewegung verfolgt und anhand der Verweildauer am Text auf die Lesbarkeit des Mediums rückgeschlossen. FAZ-Journalist Valentin Frimmer kritisiert hier besonders die geringe Stichprobengröße und vermisst die statistische Repräsentativität. Auch sei der Vergleich von nur zwei Altersgruppen wenig stichhaltig. Frimmer geht weiter auf die Messung der Gehirnaktivität via EEG ein. Nach der Studie der Uni-Mainz spiegelt eine erhöhte Aktivität des Thetabandes eine gesteigerte kognitive Aktivität bei der Verarbeitung des Textes wider. Dem stellt der FAZ-Autor eine Aussage von des Tübinger Psychologen und Neurobiologen Niels Birbaumer gegenüber, welche die Schlussfolgerung für falsch hält. „Die Aktivierung des Thetabandes bezieht sich ganz generell auf Gedächtnisleistungen. Eine Beurteilung, ob das Lesen auf eBooks oder Papier für das Gehirn einfacher ist, lasse sich mit der Elektroenzephalografie nicht bestimmen, sagt Birbaumer.“ Auch Thomas Kammer von der Universität Ulm bezweifelt „die Interpretation, dass das Thetaband Rückschlüsse auf den kognitiven Aufwand zulassen würde“.

Zum Schluss kommt Frimmer zu dem Schluss, dass „mit der gängigen akademischen Praxis gebrochen“ wurde und letztendlich Lobbyismus für die Veröffentlichung wenig gesicherter Ergebnisse in dieser Form verantwortlich ist. Der Versuch nähere Informationen zu den Studiendetails zu bekommen, scheiterte laut eigener Aussage.

Die Antwort der Universität Mainz ließ nicht lange auf sich warten. Man hat bereits eine Richtigstellung zu den Darstellungen der FAZ veröffentlicht. „Zu keiner Zeit wurde von außeruniversitärer Seite Einfluss auf die Studie genommen“, heißt es gleich zu Beginn des Statements. Im Folgenden geht man Punkt für Punkt auf die Vorwürfe Frimmers ein:

1. Herr Frimmer schreibt, dass sein Versuch scheiterte, bei den Autoren der Studie nähere Informationen zu bekommen. Das ist eine Falschaussage. Zu keinem Zeitpunkt hat Herr Frimmer versucht, mit den Projektleitern Kontakt aufzunehmen. Er hat mit einer Mitarbeiterin gesprochen, die er aber nicht über die in seinem Artikel kritisierten Punkte befragte. Auch ohne ein direktes Gespräch hätte Herr Frimmer durch das Lesen des offen für jeden einsehbaren Studienpapiers z.B. erfahren können: Alle vorgestellten Daten wurden statistisch ausgewertet.

2. In seinem Beitrag stellt V. Frimmer die Ergebnisse der Blickbewegungs- und der EEG-Studie getrennt vor, wobei er jeweils einzelne Aspekte kritisiert. Dass er dabei den wichtigsten Befund unerwähnt lässt, ist bedauerlich. Es handelt sich um die zu beobachtende Korrelation von statistisch signifikanten Aktivierungsveränderungen in einem bestimmten Frequenzband mit Geschwindigkeitsunterschieden beim Lesen. Da im Experiment beide Methoden gekoppelt waren, wurden diese Daten also zeitgleich erhoben. Der Schluss, dass diese Korrelation funktional gleiche Ursachen habe und deshalb auch in diesem Sinne interpretiert werden kann, ist eine in den Neurowissenschaften gängige Praxis. Eine derartige Korrelation zwischen neuronalen und behavioralen Daten ist in der Regel ein sehr überzeugendes Argument für die Existenz eines kognitiven Ereignisses.

3. Die wohl im Nachklang zu diesem Artikel am stärksten diskutierte Frage ist die nach der Rolle des Theta-Bandes bei Sprachverstehensprozessen. Durch einen kurzen Verweis auf eine Expertenmeinung stellt Herr Frimmer fest, dass die Interpretation des Theta-Bandes falsch sei und dass das EEG im Allgemeinen nicht zur Beantwortung der Fragestellungen geeignet sei. Hätte Herr Frimmer die ihm zur Verfügung gestellte Literatur überflogen, dann hätte er erfahren, dass Lesen ein kognitiver Prozess ist und kognitive Prozesse in der neurowissenschaftlichen Forschung sehr häufig mit Hilfe des EEGs untersucht werden. Und es ist Standard in der wissenschaftlichen Forschung, Hypothesen aus der bestehenden Literatur abzuleiten.

4. Der Vergleich einer jungen mit einer älteren Gruppe an Erwachsenen ist gängige Praxis und wird unter anderem auch von international renommierten Altersforschern zur Interpretation von kognitiven Veränderungen benutzt.

5. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt können wir statistisch ausgewertete und signifikante Aussagen zum Leseverhalten machen. Über die Zahl der Probanden und alle anderen Aspekte der Untersuchung haben wir von Anfang an transparent Auskunft gegeben. Dass noch weitere ältere Probanden erhoben werden und noch zusätzliche Datenanalysen geplant sind, wurde auf der Pressekonferenz klar kommuniziert.

Wer sich auch immer im Recht befindet, es steht zumindest fest, dass es noch weiteren Forschungsbedarf gibt und keine abschließende Antwort über das digitale Lesen möglich ist.