Nokia eReader: Elop (Microsoft) wollte nicht

22. September 2015
Lesezeit: 4:52 Min.
Nokia eReader: Elop (Microsoft) wollte nicht

Es ist wohl eine der prominentesten Firmen-Untergänge im Unterhaltungselektronikbereich: Der einstige Handy-Marktführer Nokia, der zu Glanzzeiten über 50 Prozent Marktanteil weltweit hatte, stürzte mit dem Wandel zum Touchscreen-Smartphone nach einer Reihe fataler (jahrelanger) Fehlentscheidungen in die Bedeutungslosigkeit ab und wurde letztendlich von Microsoft gekauft. Allerdings „nur“ die Handy-Sparte, denn das Netzwerksegment blieb bei den Finnen.

Heute wollen wir einen kurzen Blick in Nokias Vergangenheit werfen, denn wie vor wenigen Wochen (abermals) bekannt wurde, arbeitete das Handy-Unternehmen auch an einem Lesegerät.

Rückblick

Vor dem Start des ersten Apple iPhone war die Welt für Nokia noch heil. Deren Symbian-Smartphones ohne Touchscreens erfreuten sich großer Beliebtheit und auch im Featurephone-Bereich lief es trotz einiger ambitionierter Mitbewerber (mit extrem billigen Konkurrenzgeräten) blendend. Doch dann kam das iPhone.

Viele Technikfans nahmen das Touchscreengerät nicht allzu ernst, was auf eine Reihe von Gründen zurückzuführen war. Dem (schon damals hochpreisigen) Telefon fehlten UMTS, MMS-Funktionalität und die VGA-Kamera-Qualität war selbst für damalige Verhältnisse nicht besonders gut. Auch abgesehen von diesen Dingen war die Funktionalität zum Start recht bescheiden. All das war für Apple und die sich rasch bildende Fangemeinde allerdings kein Problem, denn abseits der Kritikpunkte funktionierte das Smartphone hervorragend, wobei insbesondere der kapazitive Touchscreen für ein bis dahin nie dagewesenes Bedienerlebnis gesorgt hat. Sonstige Konkurrenten hatten bis zu dem Zeitpunkt in erster Linie auf resistive Touchscreentechnik gesetzt, deren Empfindlichkeit deutlich geringer ist.

Trotz der engen Provider-Bindung war das iPhone ein voller Erfolg, wobei insbesondere die nachfolgende Generation – jetzt mit 3G-Unterstützung – für einen Absatzsprung im Weihnachtsgeschäft gesorgt hat. Damit war für die meisten Konkurrenten auch klar, in welche Richtung sich das Handy-Geschäft bewegen wird. HTC und Samsung waren unter den ersten Herstellern, die das Moment nutzen konnten, das Apple generiert hat.

Nokia hat den Trend hingegen jahrelang verschlafen. Die Symbian-Touchscreen-Geräte konnten weder die Fachpresse noch die Verbraucher wirklich überzeugen, insbesondere weil Apple das mobile Betriebssystem des iPhone laufend weiterentwickelt hat und den Abstand immer weiter vergrößert hat.

Im Jahr 2011 (als das iPhone 4s auf den Markt kam!) schien Nokia aber langsam die Kurve zu bekommen. Das im N950 erstmals zum Einsatz kommende Linux-basierte Betriebssystem Meego fand schnell Fans und konnte trotz einiger Unzulänglichkeiten auch die Fachpresse überzeugen, denn es wurde gegenüber der angestaubten Symbian-Oberfläche als großer Fortschritt gewertet. Später kam auch noch das N9 auf den Markt, das gleichzeitig die Designlinie für die nachfolgenden Lumia-Generation vorgegeben hat.

Bedauerlicherweise war es für Meego da aber bereits zu spät, denn der 2010 eingesetzte CEO Stephen Elop entschied 2011, Nokia Smartphones künftig ausschließlich mit Windows Phone auszustatten. Die Symbian-Touchscreensparte wurde ebenso gestrichen wie das vielversprechende Meego-System.

Lesegerät mit LCD-Display fiel Windows Phone zum Opfer

Und da kommen wir nun endlich zum eigentlichen Thema dieses Artikels. Nokia hatte vor dem Richtungswechsel zu Windows Phone große Pläne für Meego. Das Unternehmen entwickelte weitere Geräte auf Basis des neuen Systems.

Der Nokia Reader „Pine“ fiel dem Wechsel zu Windows Phone zum Opfer

Dazu gehörte auch ein Prototyp der auf den Namen „Nokia Reader“ bzw. Codenamen „Pine“ hörte. Es handelte sich um eine Mischung aus Tablet und eReader.

Das mit einem LCD ausgestattete Gerät sollte ebenfalls mit dem Linux-System laufen und hatte den digitalen Buchmarkt ins Auge gefasst. Laut eines Berichts aus dem Jahr 2013 führte Nokia damals sogar schon Gespräche mit Verlagen und/oder Contentanbietern, um interaktive Buchinhalte anbieten zu können.

Und auch wenn das Ganze schon mehr als fünf Jahre her ist, vor wenigen Wochen tauchte nun erstmals ein Produktrendering des Nokia Reader auf Twitter auf. Zu sehen ist ein etwas globiges Gerät, das mit ein wenig Fantasie an die Form eines eReaders der Sony PRS-650 Serie erinnert.

Letztendlich erblickte das Gerät nie das Licht der Welt und wurde im Zuge der Umstrukturierung einfach begraben.

Keine weiteren Tablet-Ambitionen

Der Umstand, das Nokia auch die folgenden Jahre keine weiteren Versuche unternommen hat, den Tablet-Markt zu erschließen, verwundert auf den ersten Blick zwar, ist nach Betrachtung der damaligen Lage allerdings keineswegs überraschend.

Für das finnische Unternehmen gab es nämlich keine nennenswerten Alternativen für das Betriebssystem. Symbian konnte schon auf den kleineren Touchscreen-Smartphones nicht überzeugen, womit man auch eine vernünftige Tablet-Anpassung nicht erwarten durfte. Meego wurde eingestellt, Android hatte man ausgeschlossen und Windows Phone (bzw. RT) war erst mit Version 8 auch für Tablets geeignet.

2014 kam dann schließlich das Lumia 2520 auf den Markt, bei dem es sich aber im Grunde um ein generisches Windows RT Tablet gehandelt hat. Von dem spezialisierten „Pine“ blieb beim ersten Nokia Flachcomputer nichts übrig. Die langsame Windows-Anpassung für den Tablet-Betrieb erklärt übrigens auch, wieso Microsoft jahrelang kein entsprechendes Gerät auf den Markt gebracht hat.

Der Softwarekonzern war eigentlich bestrebt, das eBook-Segment zu erschließen und hat dafür 600 Millionen US-Dollar in Barnes & Noble investiert. Die Zusammenarbeit trug allerdings keine Früchte, sodass es letztendlich nur bei der eher lieblosen Nook Windows 8 Applikation geblieben ist. 2014 zog sich Microsoft schließlich zurück und beendete die Zusammenarbeit mit dem US-Buchhändler.

Zurück zum Thema: Nach der Übernahme des Handy-Geschäfts durch Microsoft, hat das verbleibende Nokia-Team aber doch noch ein handliches Android-Tablet entwickelt und im Januar 2015 in China auf den Markt gebracht. Das Gerät besitzt eine 7,9 Zoll Bildschirmdiagonale, das Display löst mit 2048×1536 Pixel auf und die Pixeldichte beträgt 326 ppi.

Für 2016 plant Nokia das Comeback auf dem Smartphonemarkt und man darf gespannt sein, ob das Unternehmen auch im Westen das Tablet-Segment wiederbeleben möchte. Fünf Jahre nach dem vorzeitigen Ende des Nokia Reader kann man so vielleicht doch noch bald auf einem linuxbasierten (Android) Tablet der Finnen lesen.

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