Der Kindle Oasis Fallout [Kommentar]

13. Juli 2016
Lesezeit: 10:08 Min.
Der Kindle Oasis Fallout [Kommentar]

Amazon Chef Jeff Bezos höchstpersönlich hat den Kindle Oasis im Vorfeld via Twitter (namenlos) angekündigt. Eine Woche vor dem Start wussten wir also schon, dass der Versandriese in Kürze einen neuen eBook Reader auf den Markt bringen würde. Die Spekulationen dazu waren zahlreich.

Auch hier auf ALLESebook.de haben ich und viele Leser gemutmaßt, was das neue Lesegerät können würde. Wasserdicht, großer Bildschirm, Text-to-Speech und was nicht noch alles, sollte das nächste Top-Modell haben.

Rausgekommen ist am Ende etwas völlig anderes, als sich die meisten (mich eingeschlossen) erwartet haben. Der Kindle Oasis ist ein 6 Zoll eReader mit weitestgehend bekannter Technik, aber ungewöhnlicher Bauform. Anstatt die Hardwarekomponenten weiterzuentwickeln, hat Amazon das Augenmerk auf Haptik und Handhabung gelegt. Und auf den Preis: Rund 290 Euro kostet der Oasis in der WiFi-Variante.

Zu teuer, zu klein, zu hässlich und viele andere Kommentare waren zu lesen. Aber insbesondere die Ankündigung des Preises hat massive Kritik in diversen Internetforen nach sich gezogen. Die Reaktionen auf das neue Lesegerät sind jedenfalls sehr zahlreich und in meinen Augen durchaus überraschend heftig. Nachfolgend will ich auf einige Kritikpunkte eingehen.

Kindle Oasis und Voyage preislich fast gleichauf

Tatsächlich hat sich im Vergleich zum Preis des Kindle Voyage eigentlich gar nicht so viel geändert: Der Voyage kostet rund 190 Euro. Eine originale Origami-Hülle aus Leder kostet 60 Euro, die limitierte Premiumvariante sogar 90 Euro. Unterm Strich werden für den Verbund aus eReader und Hülle somit auch saftige 250 bis 280 Euro fällig. Nicht viel weniger als Amazon jetzt für den Kindle Oasis inkl. Schutzcover ausruft.

Der Unterschied ist aber natürlich die Zwangsbündelung der beiden Komponenten. Den eBook Reader bekommt man nur in Kombination mit der Hülle. Und zwar mit gutem Grund: Die Akkukapazität des Oasis ist zweigeteilt: Ein Akku mit 250 mAh befindet sich im Lesegerät, ein weiterer Akku mit 1250 mAh in der Hülle. Der Hintergedanke des Ganzen ist klar: Amazon hat den Akku des eReaders verkleinert um Gewicht zu sparen und die asymmetrische Bauform zu ermöglichen.

Den Kindle Oasis gibt’s nur in Kombination mit Cover

Während des Lesens sollen Nutzer die Hülle abnehmen und den 131 Gramm leichten Kindle Oasis ohne Cover in der Hand halten. Hat man fertig gelesen, schnappt man die Hülle mit den Magnetverschlüssen einfach wieder drauf, woraufhin der Akku des eReaders aufgeladen wird.

Es ist eine Kompromisslösung die ohne den kombinierten Verkauf mit der Hülle nicht funktionieren würde. Tatsächlich würde das Nutzungserlebnis aufgrund der kürzeren Akkulaufzeit des Oasis alleine vermutlich sogar leiden, wenn die Hülle nicht enthalten wäre. Die Designentscheidung zur Verringerung der Akkukapazität des eReaders kann man kritisieren und muss man nicht gut finden. Tatsache ist aber, dass sich Amazon für diesen Weg entschieden hat und ein Verkauf ohne Hülle deshalb kaum sinnvoll wäre.

Preislich am Niveau älterer Modelle

Auch wenn man die Preiskalkulation wie oben angeführt zweiteilt, lässt es sich aber natürlich nicht von der Hand weisen, dass der Kindle Oasis in der Geldbörse eine größere Lücke hinterlässt als die allermeisten anderen am Markt befindlichen Modelle. Der Durchschnittspreis bei den beleuchteten 6 Zoll eReadern hat in den vergangenen Jahren nach unten gezeigt.

Mittlerweile kosten viele Geräte in diesem Größensegment nur noch 120 bis 130 Euro. Gelegentlich fallen die Preise in Aktionszeiträumen auch auf 80 bis 110 Euro.

Den Kindle Paperwhite gibt’s bereits ab 120 Euro, viele andere Modelle ebenfalls

Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich auch die Preisdiskussion besser verstehen. Man kann das Ganze aber auch unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten: Vor nicht allzu langer Zeit musste man für eBook Reader noch 200-300 Euro auf den Tisch legen. Meinen Sony PRS-505 habe ich für (ich glaube) umgerechnet 300 Euro aus den USA importiert – der hatte keine Beleuchtung und im Vergleich zu heutigen Geräten furchbare Kontrastwerte. Gekauft habe ich mir den eBook Reader aber trotzdem, da mich die Technik schon damals fasziniert hat.

Sony PRS-505: Geringer Funktionsumfang, kontrastarmes Display und hoher Preis – ein toller eBook Reader!

Aber nicht nur der PRS-505 war in dieser Preisregion angesiedelt, für den zwei Generationen jüngeren Sony PRS-650 wurden ebenfalls 230 Euro fällig (jedoch ohne Hülle). Der erste Kindle hat 400 US-Dollar gekostet, der zweite (zunächst) 390 US-Dollar.

Seit dem sind natürliche mehrere Jahre ins Land gezogen und man kann diese Preise nicht einfach mit denen der heutigen Modellen vergleichen. Eine entscheidende Sache haben die alten eReader und die neuen Hochpreismodelle Kindle Oasis und Voyage aber gemein: Es war mehr Entwicklungsarbeit und Speziallösungen gefragt als bei den sonstigen Marktteilnehmern.

Viele aktuelle 6 Zöller folgen dem grundsätzlich gleichen Hardwaredesign wie 3 oder 4 Jahre alte Modelle. Wenn man den Kobo Glo auseinandernimmt und die Platine mit einem Glo HD vergleicht, dann sind viele Gemeinsamkeiten erkennbar. Noch offensichtlicher wird dies, wenn man den Glo HD mit den Tolino Shine 2 HD vergleicht und auch diverse andere Modelle miteinbezieht: Sie setzten auf das gleiche Referenzdesign und kommen oft sogar vom gleichen Hersteller (Netronix). Der Kobo Glo ließ sich sogar mit der Android-Firmware des ersten Tolino Shine starten – so ähnlich sind sich die Geräte hardwaretechnisch.

Solche Geräte herzustellen ist dann im Endeffekt natürlich billiger als wenn man nicht nur das Platinendesign ändert, sondern man z.B. auch dafür Sorge tragen muss, dass das Gehäuse des eReaders ausreichend verwindungssteif ist, damit die 3,4 mm dünne Fläche nicht bricht bzw. keine Torsion auf das Display überträgt. Sowas kostet nun mal Geld und sollte bei der Bewertung des Preises nicht außer Acht lassen.

Lederhülle nicht vegan

Ein weiterer Kritikpunkt von anderer Seite betrifft das Material der Hülle. Eine kleine Gruppe von Personen hat sich bereits zur Oasis-Produktvorstellung in diversen Foren und Newskommentaren kritisch oder negativ zur Zwangsbündelung des Covers geäußert – nicht wegen des Preises, sondern wegen des Leders.

Veganer, Vegetarier und andere Personen die keine Lederprodukte nutzen wollen, können eine Online-Petition unterschreiben, die Amazon dazu auffordert, auch eine Kaufoption mit Kunstleder oder einem anderen tierfreundlichen Material anzubieten. Viel Zulauf hat die Sache aber nicht – nach 2 Tagen gibt’s (aktuell) nur 233 Unterschriften.

Die Hülle besteht momentan immer aus Leder

Während ich die verschiedenen Lebensstile auf jeden Fall respektiere und die Misshandlung von Tieren verabscheue, so halte ich die Forderung ehrlich gesagt für heuchlerisch.

Selbst wenn Amazon den Oasis ohne Ledercover anbietet, die Bedingungen unter denen die seltenen Erden in China, Russland & Co. abgebaut werden sind menschlich und ökologisch zumeist katastrophal. Jedes moderne Elektronikprodukt leistet einen kleinen Beitrag zu diesem Status quo.

Selbst wenn die Hüllenoption um Kunstleder oä. erweitert wird, wirklich besser macht das die Sache in Hinblick auf ökologische Aspekte daher nicht. Konsequenterweise sollte man als Tieraktivist eigentlich gar nicht zu einem modernen Elektronikprodukt greifen. Das lässt sich heutzutage natürlich kaum vermeiden, aber der Kauf eines High-End Unterhaltungselektronikprodukts ist zumeist jedenfalls kein Muss, insbesondere wenn man ohnehin schon eines besitzt.

Wie dem auch sei: Ich halte es zwar nicht für ausgeschlossen, dass Amazon mittelfrisitg eine weitere Hüllenoption mit anderem Material ins Sortiment aufnimmt, wetten würde ich allerdings nicht. Immerhin wird der Oasis als Premium-Modell positioniert und eine Kunststoffhülle (die dann laut Kundenmeinung vermutlich auch billiger angeboten werden soll), könnte das Image verwässern und den Abstand (und nötige Differenzierbarkeit) zum Voyage verringern.

Das Kindle Oasis Design ist ein Meisterstück

Zum Abschluss möchte ich noch eine Lanze für die Optik und Bauform des Oasis brechen. So mancher Kommentar hat das Design des eReaders heftig kritisiert. Viele empfinden die asymmetrische Bauform als wenig ansprechend.

Schon der erste Kindle war asymmetrisch geformt

Dem möchte ich entgegenhalten, dass der Kindle Oasis damit eigentlich zurück zu den Wurzeln geht. Die Anfänge der eBook Reader waren nicht symmetrisch. Der Sony PRS-505 als eines der ersten Lesegeräte am deutschen Markt, hatte eine fast schon wirre Anordnung von Knöpfen unter und neben dem Bildschirm.

Auch das erste Kindle Modell besitzt eine asymmetrische Bauform. Und nicht zu vergessen, es gab einige andere Modelle von kleineren Herstellern, wie z.B. den PocketBook 360° mit einer ebenfalls ungewöhnlichen Gehäuseform.

Dies hat sich erst schleichend geändert als Smartphones und Tablets ihren Siegeszug antraten und die Touchscreenbedienung auch bei Lesegeräten zum Usus wurde. Die asymmetrischen Designs sind langsam dem heute üblichen Einheitsbrei gewichen, wonach das Display mittig im Gehäuse sitzt und die Ränder besonders schmal sind. Was bei Smartphones und Tablets durchaus Sinn macht und gut aussieht, ist für dedizierte Lesegeräte aber nicht immer das Gelbe vom Ei.

Ergonomisch ist es in meinen Augen auf jeden Fall besser das Design auf eine möglichst einfache einhändige Handhabung auszulegen. Und das bedeutet die Angriffsflächen neben dem Display ausreichend groß zu gestalten, Blättertasten in Reichweite der Finger zu belassen und den Schwerpunkt möglichst nah am Angriffspunkt zu haben.

Die in meinen Augen beste Designentscheidung seit langem

Letzteres ist der echte Geniestreich des Kindle Oasis: Die asymmetrische Bauform des Geräts hört nämlich nicht auf der Vorderseite auf, sondern schließt die gesamte Elektronik mit ein. Das Mainboard und der Akku sitzen in einer kleinen Erhebung auf der Rückseite, die den Schwerpunkt des Oasis an den Rand rückt. Gleichtzeitig wird durch die extreme Dünne des restlichen Gehäuses ein besserer Griff ermöglicht.

Auch ohne das Gerät schon in der Hand gehalten zu haben, kann eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass der Kindle Oasis dadurch die aktuell beste Handhabung eines dedizierten Lesegeräts besitzt. Dabei spielt es letztendlich auch gar keine Rolle, ob man bisher keine nennenswerten Probleme mit dem Gewicht oder der Handhabung anderer Modelle hatte.

Was bedeutet der Kindle Oasis für die Konkurrenz?

Eine Frage die sich mir schon vor der Vorstellung gestellt hat, lässt sich nun nach dem offiziellen Produktstart meines Erachtens relativ einfach beantworten: Was bedeutet der Kindle Oasis für die Konkurrenz? Die Antwort lautet: Nichts.

Kein Mitbewerber hat ein vergleichbares Gerät im Sortiment, weder in Hinblick auf die Bauform und Ladeform (mit Hülle) noch hinsichtlich des Preises. Der Oasis ist als High-End Premium-Modell positioniert und dabei noch weiter von der Konkurrenz entfernt als der Voyage.

Dass Tolino, Kobo & Co. durch den Oasis Kunden verlieren, erscheint in meinen Augen daher eher unwahrscheinlich, denn wie wir schon vielfach gesehen haben, verkaufen sich eReader im Mainstream vornehmlich über einen niedrigen Preis.

Der Kindle Oasis spricht daher in erster Linie technikbegeisterte Vielleser an, die aber grundsätzlich auch bei anderen Herstellern durchaus gut bedient werden. Von daher halte ich die unmittelbaren Auswirkungen auf die Konkurrenz – vielleicht ausgenommen auf die Prestigefrage um das potentiell beste und komfortableste Lesegerät – für gering.

Im schlimmsten Fall zementiert Amazon die eigene Position bei treuen Kunden, die nach dem Kauf eines solchen hochpreisigen Modells sicherlich nicht mehr zu einem anderen Anbieter wechseln.

Auf die Umsetzung kommt es an

Wie bei jedem eBook Reader kommt es aber natürich auch beim Kindle Oasis auf die praktische Umsetzung an. Der hohe Preis muss für Lesefreunde natürlich auch rechtzufertigen sein. Letztendlich dreht sich bei einem dedizierten Lesegerät alles um die Anzeigequalität.

Wenn der Oasis in Hinblick auf die Bildschirmausleuchtung und das Kontrastverhältnis überzeugen kann, dann steht dem Erfolg des Geräts meiner Meinung nach nichts im Weg. Nicht mal der verhältnismäßig hohe Preis. Letzten Endes würde der Oasis dann für viel Geld auch viel bieten.

Aber ganz egal wie man zu dem Gerät und dem Preis steht, aus Kundensicht ist die größere Auswahl auf jeden Fall zu begrüßen. Von daher kann man auch hoffen, dass andere Hersteller ebenfalls (wieder) diesen Weg einschlagen und versuchen weitere Differenzierungspunkte in die Praxis umzusetzen.

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