Das war das eReader-Jahr 2015 – das könnte 2016 bringen

30. Dezember 2015
Lesezeit: 4:43 Min.
Das war das eReader-Jahr 2015 – das könnte 2016 bringen

Lange dauert es nicht mehr, dann schreiben wir das Jahr 2016. Das ist natürlich der perfekte Anlass einen kurzen Rückblick auf die vergangenen 12 Monate zu werfen und auch gleich zu schauen, was wir uns für 2016 erwarten dürfen.

Nachdem das Jahr 2014 am deutschen eReader-Markt sehr turbulent war, ging es 2015 ruhiger vonstatten. Das lässt sich schon anhand der Neuerscheinungen sehen, die in den vergangenen 12 Monaten in Summe nicht nur eher überschaubar waren, sondern auch technisch eher verhalten. PocketBook hat den Lux 3 auf den Markt gebracht, Kobo den Glo HD, Amazon den Kindle Paperwhite 3 und die Tolino-Partner Shine 2 HD und Vision 3 HD. Abseits der bekannten Hersteller gab es bei einigen kleineren Anbietern diverse E-Ink Carta Updates.

Die wichtigste Änderung brachte die 300 ppi Pixeldichte: die neuen eReader von Amazon, Tolino und Kobo verfügen allesamt über eine sogenannte Retina-Auflösung und bieten eine gestochen scharfe Abbildleistung. In erster Linie erweist sich der Preisrutsch dabei als wichtigste Entwicklung, denn 300 ppi gab’s zuerst – bereits 2014 – beim Kindle Voyage. Da muss(te) man allerdings zumindest 190 Euro dafür bezahlen. Die neuen Modelle bringen die höhere Pixeldichte in den Mainstream-Preisbereich von rund 120 bis 130 Euro.

Ebenfalls erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die generell besser gewordene Anzeigequalität der 6 Zöller von Tolino und Kobo: Glo HD, Shine 2 HD und Vision 3 HD bieten eine ebenso tolle Beleuchtung wie der lange Zeit beinahe unantastbare Hauptkonkurrent Kindle Paperwhite. Nachdem die zweite Generation des Paperwhite in den Jahren 2013 und 2014 relativ unbehelligt mit einem kaum zu schlagenden Preis-Leistungs-Verhältnis ins Rennen ging, musste sich der junge Paperwhite 3 in diesem Jahr auf Augenhöhe mit der inzwischen ebenso tollen Konkurrenz messen.

In der Gesamtheit erinnern die Neuerscheinungen ein wenig an die Marktsituation im Jahr 2011. Damals verbreitete sich die E-Ink Pearl Technik mit einer Auflösung von 800×600 Pixel und Infrarot-Touchscreen bei den großen Anbietern. Die eBook Reader von Amazon, Sony und Kobo haben sich technisch kaum unterschieden.

Damals wurden bereits Stimmen laut, dass die E-Paper-Technologie keine nennenswerte Sprünge mehr machen wird und fertig entwickelt sei. Erst 2012 kam mit höheren Displayauflösungen und Bildschirmbeleuchtungen wieder Bewegung in die Sache. Auch im heurigen Jahr gab es ebenso kritische Meinungen zur eReader-Entwicklung. In einem eigenen Artikel habe ich die Entwicklung beleuchtet und kommentiert.

Mischt Liquavista den Markt auf?

Das bringt uns auch gleich zum Ausblick für das kommende Jahr: Das größte Fragezeichen steht 2016 bei Amazon. Für heuer hätte ich eigentlich nicht nur eine Neuauflage des Kindle Voyage erwartet, sondern auch den ersten eReader mit Liquavista-Display.

Nachdem der Marktstart des Kindle Voyage im Jahr 2014 eher durchwachsen war, ging ich davon aus, dass Amazon die Kinderkrankheiten in einer leicht verbesserten Neuauflage beheben würde. Es gab zwar einige vage Hinweise auf einen möglichen Kindle Voyage 2, letztendlich erschien der Nachfolger des aktuellen Modells aber nie.

Noch überraschender ist allerdings, dass die vor drei Jahren erfolgte Firmenübernahme von Liquavista bis heute keine Früchte getragen hat. Schon 2013 soll die E-Paper-Technik marktreif gewesen sein. Für 2016 erwarte ich daher nun (endlich) ein entsprechendes Gerät.

Ein wenig unschlüssig in meiner Erwartung, bin ich wegen der Gerätegattung: Es könnte sich sowohl um ein Fire-Tablet mit besonders stromsparenden Farbdisplay handeln, oder einen Kindle-eReader mit noch besseren Kontrastwerten und Schwarz-Weiß-Bildschirm. Die Elektrobenetzungstechnologie von Liquavista ist grundsätzlich für beide Anzeigearten geeignet.

Sofern es ein Liquavista-Gerät im kommenden Jahr auf den Markt schafft, kann man mit einer Positionierung im Premium-Segment rechnen. Ein Kindle Voyage 2 mit Liquavista-Anzeige würde dementsprechend mehr Sinn machen als ein neuer Kindle Paperwhite 4 im 100 Euro Preisbereich.

Und was ist mit Tolino, Kobo und PocketBook?

Einen weniger konkreten Ausblick erlauben die anderen deutschen Marktteilnehmer. In technischer Hinsicht dürfte es im kommenden Jahr keine nennenswerten Verbesserungen der E-Ink-Technik geben, weshalb die aktuellen Modelle von Tolino und Kobo wohl nur in anderen Bereichen (Blättertasten, Helligkeitssensor …) nachgebessert werden können.

Am ehesten kann ich mir eine Neuauflage des Vision vorstellen, der mit einem Lichtsensor ausgestattet sein wird. Damit ließe sich der aktuell (in meinen Augen) zu hohe Preisunterschied zum Shine 2 HD besser verkaufen.

Bei PocketBook darf man wiederum den Anschluss an die Konkurrenz erwarten – ein 300 ppi eReader für 2016 ist Pflicht.

Softwareseitig gibt es insbesondere für Tolino und PocketBook noch Arbeit zu erledigen (wie in den Testberichten bereits mehrfach angemerkt wurde). Bleibt zu hoffen, dass die voraussichtliche Hardwarestagnation zu Verbesserungen der Softwares führt.

Abseits der eReader wird man bei Tolino-Media weiterhin versuchen Kindle Direct Publishing die Stirn zu bieten. Wie vor wenigen Tagen berichtet, bleibt das 70 prozentige Autorenhonorar auch für 2016 bis auf Widerruf bestehen. Mit dem angestrebten Print-Ausbau und Schreib-Wettbewerben kann man die Marktanteile eventuell weiter ausbauen.

Fazit

Wie turbulent das eReading-Jahr 2016 letztendlich werden wird, hängt meiner Meinung nach in erster Linie davon ab, ob Amazon die Liquavista-Technik auf den Markt bringen kann (und wie gut diese im praktischen Alltag ist).

Sofern es dem Versandriesen gelingt die seit Jahren in Entwicklung befindliche Technologie in ein attraktives Lesegerät zu packen, könnte sich die Marktsituation nicht nur für die direkten Kindle-Konkurrenten drastisch ändern, sondern auch für den aktuell größten E-Paper-Lieferanten. Amazon ist aktuell der größte Abnehmer von E-Ink Displays und damit für einen großen Teil des E-Paper-Umsatzes der E Ink Holdings verantwortlich. Der (partielle) Wegfall des wichtigsten Kunden würde das Unternehmen ohne Zweifel hart treffen.

Ebenso gut möglich ist allerdings, dass wir 2016 so wenige Änderungen sehen, wie noch nie. Schon 2015 war innovationsarm – das kommende Jahr könnte aufgrund fehlender Techniksprünge noch unspektakulärer werden.

Ich bin jedenfalls wieder sehr gespannt und freue mich darauf zu sehen, was das kommende Jahr bringen wird!

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